Aufklärung

Am 14. April 1783 wurde Lessings Drama „Nathan der Weise“ uraufgeführt. Eine gute Gelegenheit, mal wieder an die Ringparabel zu erinnern, die darin erzählt wird und als Schlüsseltext nicht nur dieses Schauspiels, sondern vielleicht der ganzen Epoche der Aufklärung gilt:

Ein Mann besitzt als wertvolles Familienerbstück einen Ring, der seinen Träger bei Gott und den Menschen beliebt macht – sofern der Träger daran glaubt. Nachdem dieser Ring über Generationen hinweg immer an denjenigen Sohn vererbt wurde, den der Vater am meisten liebte, erzählt die Geschichte nun von einem Vater, der drei Söhne hat, von denen er keinen bevorzugen möchte. Daher lässt er von einem Goldschmied Duplikate des Ringes herstellen, hinterlässt jedem Sohn einen Ring und erklärt ihm, dass dieser Ring der echte sei.
Als der Vater stirbt, möchten die Söhne vor Gericht klären lassen, welcher Ring der echte sei. Der Richter sieht sich nicht in der Lage, darüber zu entscheiden, gibt den Söhnen aber zu bedenken, dass nur der echte Ring die Eigenschaft habe, den Träger bei allen anderen Menschen beliebt zu machen. Sei keiner von den dreien beliebt, müsse der echte Ring verloren gegangen sein. Trachteten alle danach, die Liebe ihrer Mitmenschen zu verdienen, müsse irgendwann der Träger des echten Ringes zutage treten.

Die Parabel setzt die Söhne mit den drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam gleich und wirbt für einen friedlichen Umgang der Religionen miteinander. Obwohl es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten dieses Textes gibt, bleibt als Grundidee die gegenseitige Toleranz.

Heute, 225 Jahre nach der Uraufführung, eine französische Revolution, eine Relativitätstheorie und eine Shoa später, hat man manchmal das Gefühl, keinen Schritt weiter gekommen zu sein.

4 Gedanken zu „Aufklärung

  1. Und endlich fangen auch die Atheisten an, sich für ihre Überzeugungen militant einzusetzen. Warum sollen die auch die einzigen sein, die sich tolerant zeigen?

  2. Noch eine Interpretationsmöglichkeit, die die Germanistik bis heute stoisch ignoriert.

  3. Gute Frage, auf die ich keine Antwort habe. Aber wie juf schon oben andeutete, haben sich die Atheisten bisher nicht gerade als kreuzritter- oder talibanmäßig geriert. Ich nehme mal an, die benötigen einfach keinen Ring. Allenfalls den einen.

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