Wir staunen.

Eine Firma überweist versehentlich im Abstand von drei Tagen eine Rechnung zweimal. Am Tag, an dem die zweite Rechnung auf unserem Konto gutgeschrieben wird, erreicht mich ein Brief (!), in dem die Firma auf ihr Missgeschick hinweist. Hätte sie nicht müssen, denn natürlich wird der doppelte Betrag zurücküberwiesen. Das geht ja ganz fix: Im Bankprogramm die Fehlüberweisung rechts anklicken und „Rücküberweisung“ auswählen – fertig.

Tags darauf kommt ein zweiter Brief (!):

Ich weiß gar nicht, worüber ich am meisten staunen soll: Dass jemand im Internetzeitalter noch solche Briefe schreibt, dass jemand erstaunt darüber ist, dass er sein Geld gleich wieder zurück kriegt oder dass jemand in einer Geschäftskorrespondenz die Worte „Wir staunen“ verwendet.

Made my day.

3.7.2014

(Ich wähle den Titel Techniktagebuch-konform. Denn da darf der Text gerne hin)

Eben beim Notar: Es geht um eine kleine Änderung beim Registergericht, zwei Seiten, eine Unterschrift. Alles ist schon lange vorbesprochen, alle notwendigen Unterlagen liegen auf dem Tisch.

Der Notar liest das zu unterschreibende Dokument nochmal vor, wie das Notare so tun: leiernd, schnell, unverständlich. Er macht das mutmaßlich sowieso nur für sich, um beim Lautlesen über die eigenen Fehler zu stolpern. Ups! Da ist schon einer.

„Dabei habe ich doch gerade das Rechtschreibprogramm drüberlaufen lassen.“

Er korrigiert in dem Dokument mit Bleistift, dreht sich in seinem Drehstuhl zum Computer und ändert das eben von Hand Korrigierte nun auch im Computer. Dann druckt er die Seite aus, nimmt sie aus dem Drucker, legt das korrigierte Blatt in ein Fach unter dem Schreibtisch und das neue vor sich hin.

„So, jetzt kann’s weitergehen.“

Beim nächsten Fehler das gleiche Prozedere.

„Huch, da hat sich ein Absatz verschoben.“

Bleistiftkorrektur, Drehstuhl, Computerkorrektur, Neuausdruck, Weiterlesen. Nächste Seite.

„Da muss doch ein Komma hin!“

Bleistiftkorrektur, Drehstuhl, Computerkorrektur, Neuausdruck, Weiterlesen. Diesmal legt er das korrigierte Blatt aber auf einen anderen Stapel unter dem andern Tisch. Ich würde gerne fragen, nach welchem System er Altpapier ablegt, traue mich aber nicht.

Nach drei Fehlern auf zwei Seiten sind wir fertig, das Dokument wird unterschrieben.

PS: Beim Rausgehen sehe ich den WM-Spielplan an der Wand hängen. Der Notar hat nicht nur alle bisherigen Ergebnisse eingetragen, sondern auch die zukünftigen. Die aber mit Bleistift. Holland wird Weltmeister, sagt der Bleistift.

30 Jahre

Mein allererstes Computerspiel. Kam auf einer 5 1/4-Zoll-Diskette und faszinierte nächtelang.

Natürlich waren die Computermonitore damals nicht so dunkel, das gehört zum Spiel.

Aber die Schrift war grün und der Bildschirmfont … anders.

Zum 30. Geburtstag bringt die BBC das Meisterwerk von Douglas Adams wieder auf die Monitore.

[Johnny hat’s zuerst entdeckt.]

Alfred Leobold

Der aus gutem Grund tot geglaubte Alfred Leobold liegt nicht etwa auf dem Frankfurter Hauptfriedhof und spielt dort, beziehungsweise an jenem anderen Ort, den sich der durchschnittlich religiös sozialisierte Mitteleuropäer, also auch der Hesse, als „Himmel“ vorstellt, also weder hier noch dort spielt er erfolglos Schach, wie mancher vermutet, der ihn damals in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in Seelburg noch gekannt hatte als Geschäftsführer des durchaus auch im ländlichen Umfeld bekannten ANO-Teppichladens, nein, er, der von seinem Angestellten Hans Duschke zu vorgerückter Stunde nach dem Genuss unzähliger Sechsämtertropfen – richtigerweise müsste man von Sechsämterbächen, an etlichen Tagen auch Sechsämterströmen reden – gut und gerne „Herr Läääwool“ gerufen wurde, nein, jener Alfred Leobold also ist keineswegs dort, wo ihn sein Erschreiber hingedichtet haben wollte, nein, er residiert an einem damals ganz und gar undenkbaren Ort, und hätte man Herrn Läääwool seinerzeit auch nur angedeutet, er könne einstens dort Zuflucht gesucht haben können, er hätte den fulminanten Greis Hans Duschke gleich um Nachschub losgeschickt in den kleinen Laden am Eck.

Alfred Leobold bei Xing

Alfred Leobold bei Xing

Neu im Regal (28)

Jan-Uwe Fitz: Wenn ich was kann, dann nichts dafürJan-Uwe Fitz: Wenn ich was kann, dann nichts dafür. Berlin (Ullstein Taschenbuch) 2013. 252 Seiten, 8 Euro 99.

Jan-Uwe Fitz hier vorzustellen, hieße Tauben nach Venedig zu tragen.

Sein neues Buch hier nicht zu besprechen, wäre aber dennoch unverantwortlich. Denn es ist ein alter Fitz auf neuem Niveau. Sätze, die auf dem Absatz umdrehen, Psychodefekte, wo man hinschaut, absurde Gedankengänge und eine grandiose Misanthropie – all das kennen wir vom bekanntesten Twitterer Deutschlands, vom eher unterschätzten Blogger, vom genialen Dialogvorlesereisenden.

So trifft der alte Fitzleser zwar viele alte, liebgewordene Bekannte wieder: die vielgestaltigen Menkes, die kaum vorstellbaren Eltern, das seltsame Bergdorf Juf, der in einer Taube wiedergekehrte Johannes Paul I. und all die Anrufer, Psychologen und Taxifahrer, die dem verzweifelten Protagonisten eine Projektionsfläche für seine Obsessionen bieten. Und Dialoge, die es so bei Kafka nicht gibt.

Aber er entdeckt auch etwas neues: Wer die Welt mehr und mehr aus den Augen des Taubenvergrämer zu sehen beginnt, merkt schließlich, dass nicht er der Kranke ist. All seine Gesprächspartner (Der Überwacher! Der Spediteur! Die Meisers!) haben eins an der Klatsche, ja die ganze Welt ist ein absurdes Tableau, auf dem man sich irgendwie bewegen muss, ob man will oder nicht. Dass wir dies tränenlachenderweise tun dürfen, dafür unser Dank an Jan-Uwe Fitz.

Zu toppen ist dieses Buch nur durch den Besuch einer Lesung mit Jan-Uwe Fitz, was hiermit wärmstens empfohlen sei. Nächste Gelegenheiten sind
20. Juni Berlin
21./22. Juni Basel
23. Juni München
24. Juni Berlin
25. Juni Köln
26. Juni Nürnberg
27. Juni Wuppertal
… und hoffentlich im Herbst in Tübingen

Liebe Stockholmer Polizei!

Ja klar, Reinemachefrauen sind gefährlich. Trotzdem: ich würde vorsichtshalber auch noch in Richtung Dr. Brumm ermitteln:

Illustration aus "Dr. Brumm fährt Zug"

(Für die freundliche Genehmigung, Dr. Brumms Lokomotiven-Desaster in Bauer Hackenpieps Hühnerstall abbilden zu dürfen, bedanke ich mich sowohl beim Autor Daniel Napp als auch dem Thienemann-Verlag und empfehle dringend, dieses wunderhübsch gezeichnete und mit großem Augenzwinkern getextete Werk umgehend in eurer Lieblings-Buchhandlung zu erwerben. Alternativ verweise ich auf die Malvorlage, die der Verlag als PDF zur Verfügung stellt.

Neu im Regal (26)

Peter Breuer: Ein Satz sagt mehr als tausend WortePeter Breuer: Ein Satz sagt mehr als tausend Worte. Hamburg (edition lehnen) 2012. 208 Seiten, 14 Euro 90.

Peter Breuer vorzustellen ist wie Mett nach Twitterhude zu tragen. Wer diesen Satz versteht, darf unten weiterlesen. Allen anderen, nicht so twitteraffinen Leserinnen und Lesern sei geduldig erklärt, dass Peter Breuer so etwas wie die gute Seele der deutsche Twitterlandschaft ist. Seine Markenzeichen sind sparsame Eloquenz, tiefgründige Flapsigkeit sowie eine Sprachgewalt, für die jeder Twitterer anstandslos seine Lieblingsoma hergäbe. Und er hat ein großes Herz (HERZ → „Mir wird so warm ums Herz.“ – „Du hast da übrigens Kaffee auf dem Hemd.“).

Jedes Mal, wenn Peter Breuer Twitter verlässt, hängt die Twitterlandfahne auf Halbmast und Favstar verteilt schwarze Sterne (STERNE → Diese Sterne, das sind in Wirklichkeit Bohrlöcher im Firmament. Ich möchte gar nicht wissen, was da früher für miese Bilder gehangen haben.). Das geschah in der Vergangenheit bereits dreimal, aber da Peter Breuer, dem Mettgott sei Dank, bislang jedesmal zurückkehrte, gibt es auch hierfür schon ein geflügeltes Twitterwort: „Den Breuer machen.“

Peter Breuer hat nun rund 2.000 seiner Tweets liebevoll zusammengestellt, zu jedem ein passendes Schlagwort gefunden und gemäß seiner Maxime „Dinge zu sammeln und Wort immer wieder neu zu sortieren“ in alphabetische Ordnung gebracht. Ich schenke mir die Wiedergabe einzelner Tweets, weil ein „Best of“ angesichts der Quantität an Qualität schlicht unmöglich ist. Außerdem hatte die hübsche Idee (IDEENFINDUNG → Der Gang durch die Intuitionen), 26 ausgewählte Zitate in einem Breuer-ABC zusammenzustellen, schon das Twitterhuder Abendblatt. Mistdreck.

Das Werk, das in einer anderen Welt im philosophischen Fachbuchmarkt als Aphorismensammlung gehandelt würde, sollte man entweder laut in der U-Bahn oder sich zu zweit im Bett (BETTWÄRME → Bettwärme 36,8 Grad. Gewühlte Temperatur.) vorlesen. Man kann es am Stück konsumieren oder als Nachschlagewerk verwenden. Weil das Büchlein nicht nur richtig hübsch gemacht ist, sondern auch im abwaschbaren Smartcover daherkommt, ist es auch als Schmusekissen geeignet. Nur eines sollte man auf jeden Fall tun: Es bestellen.

Das Schönste am Bestellvorgang ist, dass man dabei einen Kommentar mitschicken kann. Man sollte dabei allerdings auf seine Wortwahl achten. Ich muss irgendwas kommentiert haben, was den Autor dazu trieb, mir alle drei Büchlein mit kleinen Zeichnungen zu versehen, die nahelegen, man könne die Buchumschläge im Halbkreis aufstellen, sich nackt in die Mitte (MITTE → Mitte ist eine gute Position, wenn es vorne und hinten nicht stimmt.) setzen und davon einen Schnupfen kriegen.

Post von Breuer

Da dies nicht funktionierte, haben wir uns darauf geeinigt, dass Peter Breuer nun zur übernächsten Bloglesung „Das Letz niest“ nach Tübingen kommt und wir das Missverständnis auf der Bühne aufklären. Auch recht.

Nachtrag 18 Uhr 34: Eine viel bessere Besprechung hat Pia Ziefle drüben beim Denkding geschrieben. Und ihr steckt jetzt in einer Rezensionspingponglinkschleife, aus der ihr erst rauskommt, wenn ihr das Buch gekauft habt.

Nachtrag 18 Uhr 49: Eine Besprechung mit Antworten gibt’s drüben bei Agent Dexter. Trickreiche verlassen auf diesem Weg die Rezensionspingponglinkschleife.
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Peter Breuer: Ein Satz sagt mehr als tausend Worte. ISBN 978-3-00-037749-5. 14 Euro 90, Versand inklusive. Hier bestellen.