Da ist nirgends nichts gewesen außer hier

Heute vor 75 Jahren, am 31. Januar 1933, war der erste Tag des nationalsozialistischen „Tausendjährigen Reiches“. Adolf Hitler war Reichskanzler geworden und hatte die Macht übernommen. Weil jedem klar war, dass dies das Ende der Weimarer Demokratie und der Beginn einer Diktatur bedeutete, an deren Ende ein furchtbarer Krieg stünde, rief die KPD für diesen Tag zum Generalstreik auf. Gewerkschaften und SPD schlossen sich sofort an und in ganz Deutschland gingen die Menschen auf die Straße. So auch in der Kleinstadt Mössingen am Rande der Schwäbischen Alb.

Streikaufruf

Zunächst marschierte der noch kleine Demonstrationszug hinter einem Spruchband mit der Aufschrift „Heraus zum Massenstreik“ zur Firma Pausa, einer Buntweberei, in der gleichzeitig eine Abstimmung über die Beteiligung am Generalstreik stattfand. Beim Eintreffen der Demonstranten um 12:45 Uhr hatte sich eine der beiden Abteilungen für die Beteiligung am Streik, die andere mehrheitlich dagegen ausgesprochen. Um 13 Uhr sollte eine erneute, diesmal gemeinsame Abstimmung aller Beschäftigten erfolgen. Dabei stimmten die Arbeiter von Pausa mit 53 gegen 42 Stimmen für den Streik. Unter dem Eindruck dieses Ergebnisses gaben die Betriebseigentümer, die jüdischen Gebrüder Löwenstein, der Belegschaft für den Nachmittag frei.

Der größte Teil der Pausa-Mitarbeiter schloss sich darauf der Demonstration an, deren nächstes Ziel die Trikotwarenfabrik Merz war, der mit damals etwa 400 Beschäftigten größte Industriebetrieb Mössingens. Unterdessen hatten sich weitere Bürger aus Mössingen und den umliegenden Dörfern in die Demonstration eingereiht, die bis zum Eintreffen bei Merz gegen 14 Uhr etwa 600 Demonstranten umfasste.

Die Streikenden drangen in das Fabrikgelände ein und forderten die Arbeiter zum Abstellen der Maschinen und zum Generalstreik auf. Als die Beschäftigten der Aufforderung zunächst nicht nachkamen, kam es zu tumultartigen Szenen und lautstarken Auseinandersetzungen. Eine Weiterarbeit war schließlich nicht mehr möglich, nachdem immer mehr Demonstranten in den Web- und Nähsaal eingedrungen waren. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die nicht freiwillig zum Einstellen ihrer Arbeit bereit waren, wurden von ihren Plätzen gezogen und nach draußen abgedrängt.

Inzwischen hatte der Betriebsbesitzer Otto Merz den Mössinger Bürgermeister Karl Jaggy über die Vorkommnisse in seiner Firma telefonisch unterrichtet, und ihn gebeten, auswärtige Polizeikräfte anzufordern. Dazu war Jaggy aber vorerst nicht bereit. Er empfahl eine abwartende Haltung und war der Meinung, dass sich die Angelegenheit von selbst erledigen würde. Merz gab sich damit nicht zufrieden, und forderte darauf selbst polizeiliche Unterstützung über das Oberamt Rottenburg an. Zusätzlich alarmierte er die Leitung des dritten Mössinger Textilbetriebs, der Buntweberei Burkhardt, und informierte sie über die Vorgänge in seiner Firma.

Nach mehr als einer Stunde der Auseinandersetzungen bei Merz marschierte die Demonstration der streikenden Antifaschisten, inzwischen gut 800 Personen stark, weiter zur Firma Burkhardt. Dort hatte die Betriebsleitung, vorgewarnt durch Merz, die Fabriktore schließen lassen. – Einige der Demonstranten überkletterten die Tore und versuchten, sie gewaltsam von innen zu öffnen. Vor den Fabrikfenstern wurden rote Fahnen geschwenkt. Es kam zu verbalen Auseinandersetzungen mit dem Aufsichtspersonal. Nur wenige Arbeiter der Firma Burkhardt unterbrachen ihre Arbeit. Schließlich blies die Streikleitung die Versuche, gewaltsam ins Betriebsgelände einzudringen, ab und ordnete den Rückzug zur Turnhalle an.

Auf ihrem Rückzug trafen die Demonstranten gegen 16 Uhr auf die inzwischen eingetroffene Staffel von 40 Mann Bereitschaftspolizei, die mit Pistolen und Gummiknüppeln bewaffnet war und die Straße sperrte.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass es in den Städten der Umgebung nicht zum Streik gegen Hitlers Machtergreifung gekommen war, da ansonsten die Polizei in der Annahme der Demonstranten andernorts mit Sicherheit bei wesentlich größeren Einsätzen gebunden gewesen wäre und kaum freie Kräfte für das kleine Mössingen hätte bereitstellen können. So wurde die Auflösung der Demonstration beschlossen. Der Großteil der Streikenden flüchtete über die nahen Felder. […]

Noch am selben Abend wurden die ersten Teilnehmer des Streiks verhaftet. […] Am Ende wurden 98 Streikende, die auf verschiedene württembergische Gefängnisse verteilt worden waren, angeklagt. Die meisten Anklagen lauteten auf „Landfriedensbruch“. Den sieben als „Rädelsführer“ bezeichneten Angeklagten, den parteipolitisch organisierten Kommunisten Jakob Stotz, Jakob Textor, Hermann Ayen und dessen Söhnen Paul und Eugen, dem KPD-Ortsvorsitzenden Martin Maier und dem gleichnamigen Kassierer des Mössinger Konsumvereins wurde „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit erschwertem Landfriedensbruch“ vorgeworfen.

77 Männer und drei Frauen wurden von der im Jahr 1933 noch nicht von den Nationalsozialisten gleichgeschalteten Justiz zu Gefängnisstrafen zwischen drei Monaten und 2 1/2 Jahren verurteilt.

[Auszüge aus dem Wikipedia-Artikel „Mössinger Generalstreik„]

Diese Fußnote der Geschichte blieb fast 50 Jahre lang vergessen und es gab nicht wenige Mössinger, die sich dafür schämten. Erst mit dem 1982 erschienenen Buch „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ erhielt der Mössinger Generalstreik die Anerkennung der Nachgeborenen. Nach Jakob Stotz, einem der „Rädelsführer“ des Streiks, wurde 1985 ein Mössinger Platz benannt – 10 Jahre nach seinem Tod.

Das Haus, das Jakob Stotz Mitte der 20er Jahre auf der „roten Hilb“ gebaut hatte, steht gleich hier ums Eck.

2 Gedanken zu „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier

  1. Ja, über den Mössinger Generalstreik bin ich vor ein paar Jahren auch eher zufällig gestoßen. Schade, dass davon nichts in den Geschichtsbüchern steht und auch unsere Landespolitik dieses Ereignis noch immer nicht die Beachtung schenkt, die es eigentlich verdient hätte.

  2. Jakob Textor, der letzte Überlebende des Streiks, wird am 1. März 100 Jahre alt. Er hatte damals das Spruchband „Heraus zum Massenstreik“ gemalt. Schon ein Jahr früher hatte er den Pausa-Schornstein bestiegen und dort eine weithin sichtbare rote Fahne angebracht. Da sich niemand sonst traute, den Kamin hochzuklettern, um sie wieder herunterzuholen, wurde der Heizer angewiesen, mächtig einzuheizen. Es dauerte aber dennoch etliche Tage, bis die Fahne schließlich hitzebedingt das Zeitliche segnete.

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