Erinnerungskultur

Der „Artikel des Tages“ der deutschen Wikipedia ist heute dem „Mössinger Generalstreik“ gewidmet. Dieses Ereignis treibt die Stadt, in der ich seit neun Jahren lebe und gerne alt werden möchte, seit 80 Jahren um. Auch mich beschäftigt es.

wp-Startseite am 31.1.2013

Wikipedia-Startseite am 31. Januar 2013

Gestern vor 80 Jahren wurde Adolf Hitler zum Kanzler des Deutschen Reichs ernannt. Nicht wenige Deutsche feierten diesen Tag und die neue „Regierung der nationalen Erhebung“ mit Fackelzügen. Und Joseph Goebbels schrieb in sein Tagebuch: „Hitler ist Reichskanzler. Wie im Märchen. (…) Uns allen stehen die Tränen in den Augen. Wir drücken Hitler die Hand. Er hat’s verdient. Großer Jubel. Unten randaliert das Volk. Gleich an die Arbeit. Reichstag wird aufgelöst.“
Wenige Wochen später beendete die Reichstagsbrandverordnung die Weimarer Demokratie und installierte die nationalsozialistische Diktatur. Nur weitere sechs Jahre danach überfiel Deutschland Polen, nochmal sechs Jahre später lag die halbe Welt in Schutt und Asche.

Aber das hatte an diesem 30. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung ja niemand ahnen können.

Oder doch?

Die KPD, damals drittstärkste Fraktion des Reichstags, hatte für den Tag danach, den 31. Januar 1933 zum Generalstreik aufgerufen. Der „Aufruf zum Massenstreik“ wurde jedoch nirgends ernsthaft befolgt. Außer in Mössingen, einer Kleinstadt am Fuß der Schwäbischen Alb. 800 Menschen demonstrierten hier am 31. Januar 1933 gegen Hitler. Der Zug löste sich erst auf, als klar wurde: „Da ist nirgend nichts gewesen außer hier“ – so der Titel einer wissenschaftlichen Untersuchung über den Streik (und eines Dokumentarfilms).

Schon zuvor hatten die Mössinger Kommunisten mit spektakulären Aktionen vor den Nazis gewarnt. Der sportliche Maler Jakob Textor hatte nach einer Kletteraktion auf dem Kamin der örtlichen Fabrik die rote Flagge gehisst und zur Reichstagswahl 1932 mit einer Malaktion auf einer Gartenmauer eindeutig Stellung bezogen: „Wer Hitler wählt, wählt Krieg!“

Man möchte meinen, Mössingen müsste mächtig stolz darauf sein, diese mutigen Menschen als Mitbürger zu haben. Schließlich büßten sie mit Haftstrafen und KZ-Aufenthalten für ihre Zivilcourage. Aber es dauert fast 50 Jahre, bis die erwähnte Studie der Uni Tübingen eine Neubesinnung der Stadt einleitete. Heute erinnert eine Tafel an das Geschehen. Nach Jakob Stotz, Mit-„Rädelsführer“ des Streiks, Kommunist, kommissarischer Nachkriegsbürgermeister und hochangesehener Bürger der Stadt, wurde ein Platz im Zentrum Mössingens benannt.

Und auch im Jahr 2013 gedenkt die Stadt Mössingen mit vielen Veranstaltungen des Ereignisses: Vorträge, eine Ausstellung und eine Theaterproduktion des Melchinger Lindenhofs mit Mössinger Laienschauspielern erinnern daran, dass die Geschichte vor 80 Jahren auch anders hätte geschrieben werden können:

„Wäre die Aufforderung zum Generalstreik überall befolgt worden, so wäre diese Maßnahme durchaus geeignet gewesen, das angestrebte Ziel, die Regierung Hitler lahmzulegen und zum Rücktritt zu zwingen, zu erreichen gewesen. Der anlässlich des Kapputsches im März 1920 durchgeführte Generalstreik, der wesentlich zum Zusammenbruch dieses Putsches beigetragen hatte, hatte die Tauglichkeit des Generalstreikes als eines politischen Kampfmittels klar erwiesen.“

Dies schreibt nicht irgendein kommunistisches Kampfblatt, sondern steht in einem Urteil des Landgerichts Tübingen aus dem Jahr 1954.

Das sehen aber nicht alle so. Unter der Webadresse fakten-zum-mössinger-generalstreikversuch-von-1933.de wenden sich fünf „Blogger“, darunter vier Mössinger Gemeinderäte, gegen diese „einseitige und glorifizierende Berichterstattung“. Sie stützen sich dabei unter anderem auf das Buch des Mössinger Hobbyhistorikers Paul Gucker, der den Mössinger Kommunisten vorwirft, ihr Ziel sei die Errichtung einer stalinistischen Diktatur gewesen.

In einer Anzeige im Mössinger Amtsblatt bringt die Gruppe ihr Anliegen auf den Punkt:

Im Text findet sich der bebilderte Wunsch, die (schwarz-rot-goldene) „Fahne für Freiheit und Demokratie wäre auf dem Pausa-Kamin gehisst worden, und nicht die Fahne mit Hammer und Sichel“.

Ja, das wäre noch besser gewesen.
War es aber leider nicht.

Weitere Links:
WDR 5 vom 31.1.2013
Badische Zeitung vom 31.1.2013
SWR 2-Wissen vom 31.1.2013
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.1.2013
Stuttgarter Zeitung vom 20.1.2013

Herzlichen Dank für Linktipps an die Herren Bachschuster und Walz!

4 Gedanken zu „Erinnerungskultur

  1. Für den heutigen Tag hatte ich mir ebenfalls vorgenommen, etwas über den Mössinger Generalstreik zu schreiben. Nun brauch ich’s nicht zu tun, denn Du hast einen großartigen Artikel produziert: Alles drin: Historische Fakten, kulturelle Umsetzung Lindenhof) und kleinkarierte Geschichtsbetrachtung der CDU-Lokalgrößen. Aber besser, es läuft eine kontroverse Auseinandersetzung als gar keine!

  2. Pingback: 80 Jahre “Mössinger Generalstreik”… « Kulturprodakschn Blog

  3. Es ist vermutlich schwierig, stolz zu sein. Zum einen, weil wir das uns in Deutschland abgewöhnt haben, zum anderen weil der Generalstreik, so mutig und wichtig er auch war, im „Reichskontext“ einfach nur ein Tropfen auf den heißen Stein war. Trotzdem ist es wichtig, sich damit auseinander zu setzen.

    Das verlinkte Blog mag ich nicht lesen. Es trägt das Wort „Fakten“ im Titel und nach den ersten paar Sätzen ist es schon als polemische Meinungsmache entlarvt. Ob das am Ende wirklich einer Auseinandersetzung dienlich ist? Ich wage es zu bezweifeln.

  4. Pingback: eldersign.de » Blog Archiv » drüben (3)

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