Hauptsache Hauptschule

„Robert Musil schreibt, dass es einen Wirklichkeitssinn gebe und dass es deshalb auch einen Möglichkeitssinn geben müsse. Diesen zu schärfen und ihn zur Grundlage neuer Wirklichkeit werden zu lassen, ist ein lohnenswertes Ziel.“
(Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau auf seiner Webseite.)

Helmut Rau hat ein lohnenswertes Ziel, aber möglicherweise ein Problem mit der Wirklichkeit. Er möchte die Hauptschule gerne so behalten, wie sie jetzt ist: Mit miesen Lehrstellenvermittlungsquoten, abnehmenden Schülerzahlen und einer sozialen Auslese vom Feinsten.

Blöd, dass nicht nur die Wirklichkeit dagegen spricht, sondern sogar seine eigenen Hauptschulrektoren anderer Meinung sind. Wie auch Wissenschaftler, Handwerker, Eltern und viele andere, die etwas vom Thema verstehen.

Helmut Rau glaubt jetzt wirklich eine Möglichkeit gefunden zu haben, seinen Kritikern kein lohnenswertes Ziel mehr abzugeben. Dazu stellt er 300 „pädagogische Assistenten“ für eine „individuelle Förderung“ der 200.000 Schülerinnen und Schüler ein. Das kostet nicht mehr als ein Monet-Bild, drei Fußballspieler, kleinere Vorhaben im Rahmen der Internationalen Bauausstellung oder die TV-Verfilmung von „Krieg und Frieden“, sieht aber wie ein lohnenswertes Ziel aus.

Damit auch das Wahlvolk kapiert, wie die Sache mit der Möglichkeit und der Wirklichkeit funktioniert, geht nun sogar die Partei des Ministers innovative Wege. Als eine Online-Abstimmung des SWR („Ist die Hauptschule noch zu retten?“) zu Ungunsten des Ministers auszugehen drohte, sprang der stellvertretende Pressesprecher der baden-württembergischen CDU-Landtagsfraktion bei, indem er per Eil-Rundmail den Parteifreunden ein lohnenswertes Ziel präsentierte: „Zur Zeit stehts ungefähr 44:56 gegen uns. Vielleicht können wir etwas Einfluss nehmen. Bitte prüfen Sie eine Weiterleitung über Ihren Verteiler!“. Und siehe da: Aus der Möglichkeit wurde Wirklichkeit.

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