Landleben

Gestern abend: 40er-Feier der Freundin meines Bruders. Sie wohnen in einem renovierten Bauernhaus auf der Schwäbischen Alb. Auf dem Weg dorthin nehme ich meine Schwester mit. Die Party: rustikal und lustig. Gegen halb zwölf machen wir uns auf den Heimweg. Schon beim Herfahren hat es geschneit und vor allem an ausgesetzten Stellen liegen ordentliche Mengen Schnee auf der Fahrbahn. Ich fahre also schön langsam und vorsichtig.

Kurz hinter H. dann das übliche Auto im Graben. Kleinwagen, junge Frau Anfang 20, etwas hilflos, aber nicht verstört. Wir halten an, fragen, ob alles ok ist. Sie bejaht, ihr ist nichts passiert, aber das Auto liegt halt im Graben und sie kommt nicht mehr raus. Ich suche nach einem Abschleppseil, finde aber nur einige Spanngurte. Mittlerweile haben sich zwei junge Burschen zu uns gesellt. Beide haben ebenfalls kein Abschleppseil, sind aber hilfswillig. Wir befestigen die Spanngurte beiderseits. Ich versuche das Auto rauszuziehen. Die jungen Burschen legen sich ebenfalls ins Zeug, aber das Auto steckt zu tief drin. Wir brauchen einen Traktor.

Ich frage die Burschen, ob sie jemanden kennen. Beide sind nicht aus der Gegend. Der eine friert und meint, wenn man ihn nicht mehr brauche, würde er mal weiterfahren. Der andere schließt sich ihm an. Ich frage die junge Frau, ob sie keinen Abschleppdienst rufen wolle. Sie möchte lieber warten. Worauf sagt sie nicht. Wir sagen ihr, dass wir im nächsten Ort nach Hilfe schauen werden. Sie nickt und fährt fort, mit ihrem kleinen Scheibenwischbesen den Schnee unterm Auto vorzukehren, wozu auch immer.

Wir fahren nach H. zurück. In der Kneipe brennt noch Licht. Ich gehe in die Wirtschaft, meine Schwester bleibt im Auto sitzen. Der Stammtisch ist noch vollbesetzt und hilfswillig. Einer hat sogar einen Traktor, aber leider auch schon fünf Bier. „Und wenn noched dr Biddel kommt …“ – „Hanoi, des goht it! Des kosch it macha!“ Sie fragen mich aus, wo das passiert sei und wem und was man halt alles so wissen muss. An Ratschlägen mangelt es nicht. Nur fahren kann keiner mehr. Der mit den fünf Bier scheint der nüchternste zu sein. Ob es denn sonst jemand im Ort gibt, der vielleicht … will ich wissen. „Ha der Tröschter Richard! Aber der nimmt a Geld!“

Während die Wirtin die Telefonnummer raussucht, was sich schwierig gestaltet, weil es mehrere Richard Trösters in der selben Straße gibt, schiebt sich derjenige, der am oberen Ende der Zechrunden-Alkoholskala einzustufen ist, an mir vorbei. Auf die vielstimmige Frage der Runde, wo er den hinwolle, gibt er zu bedenken, dass er sich den Schaden anschauen müsse. Ich bezweifle, dass er überhaupt mitgekriegt hat, in welche Richtung er gehen muss. Die anderen winken ab. Nach eingehender Beratung einigen sich die Anwesenden auf zwei Nummern für den zuständigen Richard und ich begebe mich mit einem Dank auf den Lippen wieder ins Schneetreiben hinaus. Meine Schwester berichtet, es sei einer aus der Wirtschaft gekommen, der nicht gut zu Fuß schien und sich unter Zuhilfenahme von Hecken und Schneerangen in Richtung Ortsmitte fortbewegt habe. Gut, sage ich, dann kann er nicht auf den Acker gelaufen sein, um dort zu erfrieren. Er wird wohl vergessen haben, wo er hin wollte und sein Heil auf dem Heimweg gesucht haben.

Die junge Frau hat mittlerweile einen weiteren Helfer um sich versammelt, der anscheinend auch noch jemand kennen könnte, der vielleicht … Wir stecken ihr den Zettel mit den beiden Telefonnummern zu, wünschen ihr viel Glück und fahren weiter.

Einen Kilometer weiter kommt uns ein Fuchs entgegen, der einen Fisch im Maul trägt. Er hat sich korrekt auf der rechten Spur der Gegenfahrbahn eingefädelt und man kann ihm keinen Vorwurf machen. Schließlich ist der Schnee auf den Äckern und Wiesen ringsum viel zu hoch für so einen Fuchs. Zumal mit Fisch im Maul. Einen Kilometer weiter fragt meine Schwester: „Hast Du den Fuchs gesehen?“ Ich bejahe. Noch einen Kilometer weiter sagt meine Schwester: „Er hatte einen Fisch im Maul.“ Ich nicke fröhlich.

Ich liebe das Landleben.

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