High Voltage oder: Ich war jung und brauchte das Geld

Mein erstes Busle hieß Mumpfel, weil das Bandmaskottchen Mumpfel hieß. Allerdings war das Bandmaskottchen Mumpfel ein Nilpferd, das Busle Mumpfel aber ein blauer VW-Bus der Baureihe T2. Der T2 wurde von 1967 bis 1979 gebaut, hatte Heckmotor und Hinterradantrieb und wurde bei langen Steigungen durch Öffnen der Heckklappe gekühlt. Nicht völlig überraschend ereilte ihn eines schönen, warmen Frühlingstages auf dem Weg zur Musikmesse in Frankfurt der Kolbenfresser. Der Schrottgott sei seiner Seele und seiner nur selten funktionierenden Standheizung gnädig.

Das ist aber nicht das Wetter zur Geschichte, die ich erzählen möchte. Die Geschichte, die ich erzählen möchte, benötigt einen kalten, windigen Herbsttag, schlechte Lichtverhältnisse und überhaupt ein so ungemütliches Wetter, dass man ihm die „keinen-Hund-vor-die-Tür-schicken“-Note geben würde. Eine glatte Kachelmann-Sechs.

2.000 Mark kostete Mumpfel und das war so ungefähr alles, was ich damals besaß â€“ oder besser gesagt: Was die Volksbank Mittlere Lauchert mir zurückzuzahlen zutraute. Nachdem ich das erste Mal vollgetankt hatte, war mein Konto bis an die Schmerzgrenze meines Bankberaters überzogen. Denn kurz zuvor hatte ich von meinem allerallerletzten Geld bei Conrad Elektronik eine endgeile Automusikanlage erstanden (damals hieß es allerdings nicht „endgeil“, sondern „brudal glasse“), mit amateur-fachmännischer Sicherheit die entscheidenden Kabel zwischen Sicherungskasten, Verstärker und Boxen gelegt und war an einem wunderbaren, goldenen Oktobermorgen bei der ersten Ausfahrt mit diesem Wunderwerk der Technik bei der optimalen Lautstärke von zehn und den Klängen von „Highway to Hell“ in die erste Polizeikontrolle meines Lebens gerauscht.

Es war vielleicht der gewollten Bedienunfreundlichkeit des Hightechgerätes geschuldet, dass es mir nicht sofort gelang, die Lautstärke auf ein tinitus-unverdächtiges und damit polizistenohrtaugliches Niveau herunterzuschrauben, was der Situation ein von Anfang an etwas unfreundliches Gepränge einhauchte. Schließlich gelang es mir, mit einem kühnen Griff ins Kabelgewirr Bon Scotts Stimme zum Schweigen zu bringen.

Ob dies die Initiation des nun folgenden Elektro-Desasters war, ließ sich später nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Tatsache war jedoch, dass ich die Polizeikontrolle mit einem DIN-A4-formatigen Papier wieder verließ, das den großbuchstabigen Titel „Mängelbericht“ trug. Es beinhaltete im Wesentlichen, dass Mumpfels Rücklichter ein Totalausfall waren. Gnädigerweise durfte ich weiterfahren – nicht ohne die freundliche Ermahnung, direkt und am besten tagsüber die nächste Fachwerkstätte meines Vertrauens aufzusuchen, was ich gerne versprach (aber heimlich zu ignorieren beabsichtigte). Nichtsdestotrotz dräute der Termin der Wiedervorführung bei der nächstgelegenen Polizeidienststelle.

Als ungeübter Schrauber war ich mir bombensicher, die havarierte Stelle im Sicherungskasten schleunigst ausfindig gemacht zu haben. Ungeschickt war dabei weniger der Umstand, dass man bei Tests sich stets aus dem Fußraum des Fahrzeugs herauswinden und das Busle umrunden musste, um festzustellen, dass es nicht funktionierte – nicht dies war das Hauptproblem, sondern – wie sich erst nach und nach herauskristallisierte – meine vollkommene Ahnungslosigkeit von den inneren Vorgängen der T2-Busle-Elektrik.

Kurz: Der Kontrolltermin rückte näher, das Rücklicht aber verweigerte seinen Dienst. Was blieb mir anderes übrig, als eine Woche vor dem drohenden Aus in die Werkstatt zu fahren? Der Mechaniker schaute meinen Mumpfel zweifelnd an, bis ich mein Anliegen formulierte. „Des hemmer glei“, versprach er und verschwand im Fußraum. Eine halbe Stunde später tauchte er mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck wieder auf und schickte mich nach Hause.

Zwei Tage später gestand er, dass der Fehler nicht zu finden sei und die einzige Lösung des Problems darin bestünde, den kompletten Kabelbaum – ein Wort, das ich damals zum ersten Mal hörte, und das im wesentlichen das elektrische Rückgrat des Busles zu beschreiben versucht -, den kompletten Kabelbaum „rauszomzieha ond nei zom vrlega“. Das allerdings war weder in der polizeilich angedachten Zeit zu schaffen noch mit meinem Restetat zu finanzieren.

Nun wird es Zeit, einen kalten, windigen Herbsttag, schlechte Lichtverhältnisse und überhaupt ein so ungemütliches Wetter, dass man ihm die „keinen-Hund-vor-die-Tür-schicken“-Note geben würde – kurz: eine glatte Kachelmann-Sechs vor unserem geistigen Auge heraufziehen zu lassen. Denn dies war das Wetter, das ich mir für die Wiedervorführung meines Busles bei meinen Freunden und Helfern herausgesucht hatte.

Auch die anderen Variablen meines gesetzbrecherischen Tuns hatte ich mit hoher krimineller Energie ausbaldowert:

1. Später Freitagnachmittag, kurz vor Dienstschluss.
2. Eine Rosenhecke auf der Fahrerseite.
3. Als nächstliegende Polizeidienststelle kam nur das so genannte „Bullenhochhaus“ in Derendingen in Frage, das für seine miserable Parksituation bekannt war.
4. Ein hinreichend langes Stück einer Dachlatte.

Der Jungpolizist mit beginnendem Oberlippenbart, der den Auftrag erhielt, mein Busle abzunehmen, war anhand seiner Discoschühchen augenscheinlich als wochenendfertig einzuordnen. Gut. Er war nicht sehr erfreut, als ich ihm mitteilte, wir müssten ein Stückchen gehen. Gut. Seine Miene glättete sich wieder, als ich ihm anbot, mich an den Rosendornen vorbei zu zwängen, um das Licht einzuschalten. Trotz des langsam einsetzenden Regens blieb ich draußen stehen und steckte von dort aus den Schlüssel ins Zündschloss. So konnte ich nicht in Verdacht geraten, irgend etwas anderes als das Geforderte zu tun. „Mached se mol des Rigglicht o“, hieß es nun von hinten. Ich drehte den Schlüssel herum, und die zwischen Fahrersitz und Bremspedal festgeklemmte Dachlatte erzeugte die perfekte Illusion funktionierender Rücklichter – die in Wirklichkeit nur Bremslichter waren. „Danke!“ ertönte es von hinten, ein hastiger Kugelschreiberstrich machte ein Häkchen auf dem Papier. Mumpfel. War. Gerettet.

Auf dem Rückweg trällerten meine australischen Gleichstrom-/Wechselstrom-Freunde „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“.

PS: Dieser Text wurde zuerst vorgelesen und – heute – nachträglich veröffentlicht. Eine Premiere.

Ein Gedanke zu „High Voltage oder: Ich war jung und brauchte das Geld

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.