In der Liebe steckt die Lust…

Blogwichteln
Dies ist unser erstes Wichtelgeschenk aus dem Blogwichteln vom Hollemann. Vielen Dank dem unbekannten Wichtel!

…aber eigentlich noch schlimmer: Denn das schöne Wort ‚Liebe‘ ist etymologisch nicht nur verwandt mit dem lateinischen Libido (Lust, Begierde), sondern etwa auch mit den altindischen Vokabeln ‚lōbha‘, was ‚Gier‘ und ‚Habsucht‘ bedeutet, und lubdha = ‚gierig, habsüchtig‘. Das schlimme deutsche Wort ‚Gier‘ dagegen stammt witzigerweise von der indoeuropäischen Wurzel ‚gher‘ – was ganz lieb ‚gern haben, begehren‘ bedeutet.

Wie die Gier ist auch das Wörtchen ‚Freiheit‘ ist von ‚gern haben‘ abgeleitet – denn ‚Freiheit‘ kommt sprachlich gesehen aus der indoeuropäischen Wurzel ‚prai‘, und ist verwandt mit dem altindischen ‚priyáħ‘ = ‚eigen, lieb‘, und dem griechischen ‚prāўs‘ = ‚sanft‘. Aus dieser Wurzel ‚prai‘ stammt übrigens auch das Wort ‚Frieden‘ (also auch Befriedigung) – wahre Liebe scheint also mit Freiheit und Frieden zu tun zu haben.

Was also ist denn das, diese rätselhafte Liebe?

Das neumodische Wörtchen Liebe hat um das Jahr 1500 das schöne alte, aber anstößig gewordene Wort ‚Minne‘ verdrängt, das noch ganz viele Aspekte der Liebe umfasste, von der freundschaftlichen über die sinnliche bis hin sogar zur religiösen Liebe. Es bedeutete aber auch einfach Zuneigung, und dazu noch ‚Beischlaf‘, ‚Geliebte/r‘ und ‚Abschiedstrunk‘.

Minne war noch ein wirklich ganzheitliches Wort, das in dem Deutschen verwandten Sprachen noch ganz andere Bedeutungen bekam: im Altenglischen unter anderem ‚Erinnerung‘, im Gotischen ‚Gedächtnis‘, und im Altnordischen ‚munr‘ auch noch ‚Geist‘, ‚Leben’‚ ‚Wille‘, ‚Wonne‘ und ‚Freude‘ bedeutete. Die indoeuropäische Wurzel von ‚Minne‘ bedeutet ‚denken, geistig erregt sein‘. Welch herrliche Vielfalt, und wie arm dagegen der moderne Liebesbegriff, der sich immer mehr auf schwülstige Gefühle in Zweierbeziehungen verengte.

So ist – etwas verkürzt gesagt – die Gier in Europa also zur Liebe geworden. Die wahre Liebe dagegen verbirgt sich in der Freiheit. Wahre Liebe kann nur in Freiheit gedeihen, wie jeder angehende Liebesphilosoph weiß. Zur ganzheitlichen Liebe gehört also die Freiheit. Ebenso wie die Gier, die den warmen Körper des anderen so gern habende.

Wird, wie in historischer Neuzeit geschehen, die Lust immer mehr von der Liebe abgespalten, entartet der engstirnige europäische Liebesbegriff zu zuckerklebrigem Naschwerk und einer Unfreiheit im goldenen Käfig! Nieder mit der Liebe, es lebe die Gier! Lieberté, Egalistsauch, Fraternité!

4 Gedanken zu „In der Liebe steckt die Lust…

  1. Heidenblitz! So viel Sachverstand in unserem kleinen Blog, das sind wir nicht gewohnt. Hoffentlich sind unsere Leser jetzt nicht überfordert. Vielen Dank für diese Ode auf die Neu-Gier!

  2. Pingback: CongressRadio » Blogwichteln-Gastbeitrag: Advent 2.0

  3. Sehr schöner Beitrag. :) Wunderschön ist auch das Wort „Heidenblitz“ – ich werde es mir merken und bei passender Gelegenheit selbst verwenden.

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