Kalaallit Nunaat (ataaseq)

Flagge von GroenlandTeil eins der langersehnten Grönlandia beginnt mit landeskundlichen Erwägungen und endet ganz woanders.

Die Grönländer nennen ihre Insel Kalaallit Nunaat, „Land der Menschen“. Das ist etwas missverständlich, denn wüsste man’s nicht besser, könnte man sich darunter eine übervölkerte Insel wie Hongkong oder Manhattan vorstellen. Da Grönland die größte Insel der Welt ist, gleichzeitig jedoch nur 57.200 Einwohner hat (zum Vergleich: ebenso viele Menschen wohnen in Limón, der zweitgrößten Stadt Costa Ricas – aber wer mag sich schon Tausende frierender Limonen Costaricaner an Sylvester auf Grönland vorstellen?), ist das „Land der Menschen“ aber eher leer. Menschenleer.

Karte von Groenland mit leer und Sisimiut

Sisimiut etwa, mit gut 5.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Grönlands, umfasst eine Fläche von der Größe Belgiens und verfügt über zwei Flughäfen, deren größerer sich im Sisimiuter Ortsteil Kangerlussuaq befindet. Kangerlussuaq wurde im Zweiten Weltkrieg als amerikanischer Militärflughafen angelegt und hat heute 300 Einwohner, die praktisch alle beim Flughafen beschäftigt sind. Es liegt allerdings 165 Kilometer von Sisimiut entfernt, woraus sich erklärt, wozu überhaupt zwei Flughäfen vonnöten sind. Denn zwischen Haupt- und Teilort gibt es keine Straße, sondern nur einen Wanderweg, der – ich erwähnte es – vor allem eines ist: Menschenleer.

Karte von Mittelgroenland

Und still. Als normaler deutscher Stadtbewohner muss man sich daran erst einmal gewöhnen. Keine Autos. Kein Computerlüfter. Keine Sirenen. Keine Kirchenglocken. Kein Müllauto. Kein Tastaturklappern. Keine Blasmusik von der Jugendherberge. Kein Bagger. Kein Telefonklingeln. Kein Presslufthammer. Keine Klotür. Kein Bremsen. Nichts. Oder vielmehr: fast nichts. Man hört Geräusche, die sonst nie auffallen: Den Wind. Vögel. Wasserplätschern. Fliegen, Bienen und Mosquitos. Dazu Musik.

„Musiiiik?“, höre ich dich quietschen, „was denn für Musiiiik?“

Wie jeder weiß, verfügt der durchschnittlich zivilisierte Mitteleuropäer täglich über mindestens einen Ohrwurm – und damit meine ich jetzt nicht Forficula auricularia, sondern das Phänomen, das aus unserem eigenen Hirn kommt und gegen das kein Kraut gewachsen ist. Da kannst du nix machen. Der Ohrwurm kommt einfach und geht nicht mehr weg. Du kannst dazwischenquatschen oder verzweifelt an etwas anderes denken: du kriegst ihn nicht los. Du kannst ihn höchstens tauschen. Tausche Schwachsinn gegen Müll. Heino gegen Britney Spears. Denn in der Regel sind es ja nicht die Brandenburgischen Konzerte oder die Arctic Monkeys, die dich quälen. Sondern irgendwelches Zeugs, das dir aus absolut unerfindlichen Gründen durch den Kopf walzt. Unerbittlich. Wieder und wieder.

Umso heftiger erwischt einen dieses Phänomen in absoluter Stille. Zum Beispiel in der grönländischen Wildnis zwischen Kangerlussuaq und Sisimiut. Bei mir ging es am zweiten Wandertag mit „We shall overcome“ los. Das war verständlich, denn im Flieger nach Grönland lief ein dänischer Jugendfilm, in dem dieses Lied neben einem abgerissenen Ohr eine zentrale Rolle spielte. Also hüpfte die Nadel im Hirn stundenlang von „we’ll walk hand in hä-ä-änd“ über „we shall live in Pi-i-is“ und „we are not afrai-ai-aid“ wieder zum Anfang auf „we shall overca-a-am“.

Bis ich nach zwei Tagen unvermittelt eine neue Melodie vernahm. Dabei handelte es sich um „Du kannst nicht immer 17 sein.“ Jüngeren unter uns sei erklärt, dass dies ein Lied aus der Feder von Ralph Siegel ist und 1974 einer der größten Hits von Chris Roberts war. Der Refrain geht so:

Du kannst nicht immer 17 sein,
Liebling das kannst du nicht.
Aber das Leben
wird dir noch geben,
was es mit 17 dir verspricht.
Einmal da wirst du 70 sein,
dann bin ich noch bei dir,
denn du wirst immer, immer geliebt von mir.

Aber so weit reichte meine Erinnerung nicht zurück. Geschweige denn bis zu den Feinheiten des Textes, in dessen weiteren Verlauf es um Gitarrenklang, Silber im Haar sowie die Rosen der Liebe geht. Festgesetzt hatte sich lediglich die Zeile „Du kannst nicht immer 17 sein, Liebling das kannst Du nicht.“ Wobei ich mir nie sicher war, ob es wirklich der Liebling oder nicht eher ein Honey oder ein Darling war. Der textlose Rest schließlich lässt sich in etwa als „nanananaana nanananaana nanananaananaanana“ wiedergeben.

Nach einem weiteren „Du kannst nicht immer 17 sein“-Tag mit den Variationen „Liebling das kannst Du nicht“, „Honey das kannst Du nicht“ und „Darling das kannst Du nicht“, verdrängte urplötzlich ein noch fetterer Ohrwurm den letzten und machte sich in meinem Schädel breit. Es war kein geringerer als der alte Herbst- und St.-Martins-Klassiker „Ich geh mit meiner Laterne“, ein Lied, bei dem ich wesentlich textfester war:

Ich geh mit meiner Laterne
und meine Laterne mit mir.
Da oben leuchten die Sterne
und unten leuchten wir.
|:Mein Licht ist aus,
ich geh nach Haus,
rabimmel rabammel rabumm.:|

Erst bei der Recherche für diesen Beitrag merkte ich, dass es noch viele weitere Strophen und Varianten gibt. Aber das war meinem Ohrwurm in Grönland egal. Er hielt sich fast die ganze Zeit über und wechselte sich nun eifrig mit „We shall overcome“ und „Du kannst nicht immer 17 sein“ ab.

Bis sich etwa am siebten Tag Neues tat: Mit „O du fröhliche“ gab sich erstmals ein Weihnachtslied die Ehre. Auch hier war es um den Text schlecht bestellt. Es reichte gerade mal hierzu:

O du fröhliche, o du selige
gnadenbringende Weihnachtszeit!
We-helt ist verlo-horen.
Chri-hist ist gebo-horen.
Freu-heu-eue, freu-heue Dich o Christenheit!

Das war aber nicht weiter schlimm, denn über die erste Zeile kam ich ohnehin nie hinaus, weil das dem Lied inhärente phonetische Problem, ob es nun „seliche“ oder „selige“ heißt, ohne professionelle Unterstützung nicht zu klären war. In stundenlangem Widerstreit zwischen den Versionen konnte keiner gewinnen und nur einer verlieren: Ich. Gottseidank (oder leider) kam dann aber in regelmäßigen Abständen wieder das schon bewährte Liedgut von „We shall overcome“ über „Du kannst nicht immer 17 sein“ bis zur „Laterne“ vorbeigehüpft. So viel Abwechslung muss sein. Wobei mir nach eingehender Analyse irgendwann mit Schrecken auffiel, dass „We shall overcome“ und „O du fröhliche“ eine enorm ähnliche Melodieführung aufwiesen. Wer hätte das gedacht? Und außerdem: Ist nur so viel Platz in meinem musikalischen Gedächtnis?

Am zehnten Tag aber machte ich eine bahnbrechende Entdeckung: Die Ohrwürmer waren eindeutig an meine Schrittfrequenz gebunden. Aufgefallen war mir dies, als am dritten Aufstieg hintereinander das eher getragene „O du fröhliche“ zu Tage trat, während bei den anschließenden Bergabstrecken marschmäßig „We shall overcome“ ertönte. Das Laternenlied suchte sich die sumpfigen Strecken aus, bei denen unregelmäßiges Hüpfen von Moosfleck zu Moosfleck angesagt war. „Du kannst nicht immer 17 sein“ trällerte sich dagegen am ehesten abends.
Das brachte mich auf eine weitere Idee: Mein Unterbewusstsein könnte möglicherweise auch die Texte der Lieder herangezogen haben. So ließe sich die allabendliche Müdigkeit in den Beinen warnend mit dem Inhalt des Siegel-Schlagers verknüpft haben. „Du kannst nicht immer 17 sein.“ Wahrlich, das nahmen auch meine Waden wahr. Bergab hingegen läuft sich’s leicht und das verführt zu einer optimistischeren Sichtweise des Wanderns: „We shall overcome“. Naheliegend. Psychologisch undeutbar hingegen das Weihnachts- und das Laternenlied. Hier muss in meiner christlichen Sozialisation irgendetwas Unbewusstes vergraben sein. Wäre dies ein Woody-Allen-Film, würde ich jetzt sagen: „Ich werde gelegentlich meinen Psychiater damit konfrontieren.“

Als ich die Liebste fragte, ob sie denn auch einen Ohrwurm habe, nickte sie verzweifelt und gestand, dass es bei ihr „We are the winners of Eurovision contest“ (vgl. dazu auch folgendes Videodokument) sei. Gottseidank war mir dieses Liedchen nicht geläufig, so dass es sich nicht in meine aktuelle Ohrwurmhitparade drängeln konnte.

Einig waren wir uns jedenfalls darin, dass wir es nicht länger hinnehmen wollten, uns in der herrlichen Landschaft Grönlands von derartig miesen Machenschaften der Musikindustrie malträtieren zu lassen. Und ließen nach kurzer Beratung lautstark und zweistimmig Taten folgen:

Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde raues Gesicht!
Wir sind schon der Meere so viele gezogen.
und dennoch sank uns’re Fahne nicht!
|: Hei-oh! (Heio) Hei-oh! Heio heio heio ho hei-oh heio ho hei-oh! :|

Dass wir uns damit womöglich um den pittoresken Anblick einer siebzigköpfigen Rentierherde gebracht hatten, die vielleicht hinter der nächsten Felsnase gelagert hatte und sich nun der akustischen Umweltverschmutzung durch wilde Flucht entzog, kümmerte uns nicht. Wir waren wurmfrei!

5 Gedanken zu „Kalaallit Nunaat (ataaseq)

  1. Phänomenal historischer und gut ausrecherchierter Beitrag über die Natur des Ohrwurms in der grönlandischen Wildnis! Ein Standardbeitrag, der Generationen über Generationen überdauern wird und eine luzide Analyse des Schwachsinns, der tief drin in uns rumwurmt und nur drauf wartet, dass mal Ruhe ist. Ein Klassiker – jetzt schon. Loriots Steinlaus ist nichts dagegen! Vielleicht schaffst du es in den Pschyrembel!

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