Kalaallit Nunaat (pingasut)

Flagge von GroenlandVom nördlichsten Golfplatz der Welt, Herrn Bohlens poetologischen Skills und der Sorgfaltspflicht des Testers handelt der dritte Teil unserer Grönlandia.

Wer nach Grönland kommt, der landet zunächst meist in Kangerlussuaq, einem 300-Seelen-Örtchen am Polarkreis. Das hat folgenden Grund: Als die USA im Zweiten Weltkrieg neben Narsarsuaq („Bluie West One“) eine weitere Basis auf halbem Weg nach Europa brauchten, fanden sie am Ende eines langen Fjordes (grönl. „Kangerlussuaq“) eine sandige Ebene, die für diesen Zweck hervorragend geeignet schien. Der Stützpunkt wurde von den Amerikanern zwischen 1941 und 1951 genutzt – insbesondere während der Berlin-Blockade -, wobei zeitweise bis zu 3.000 Armeeangehörige stationiert waren. Weil der Flugplatz nun schon mal da war, wurde er anschließend von den Grönländern (bzw. Dänen) übernommen.

Tut mir leid, dass ich so weit ausholen muss, aber wie sonst könnte ich erklären, warum dieses unattraktive Baracken-Dorf heute über Freizeiteinrichtungen verfügt, die auch einer deutschen Mittelstadt gut zu Gesicht stünden: eine Bowlingbahn, ein Flieger- und ein Ruderclub, ein Schützenverein, Schwimmbad, Solarium und Sporthalle sowie den nördlichsten Golfplatz der Welt.

Vor allem letzterer beflügelte schon im Vorfeld der Reise unsere Phantasie: Würden hier Fähnchen aus dem ewigen Eis ragen? Rentiere vor Golfbällen um ihr Leben rennen? Inuit-Caddies auf Snowmobilen umhersausen? Eisbären den Inhalt silberner Porsches untersuchen?
Erst gegen Ende unseres Grönland-Aufenthaltes erhielten wir Gelegenheit, all diese Szenarien einer Prüfung zu unterziehen, denn der schwere Weg, über den wir unsere Rucksäcke zu schleppen hatten, um zum tödlichen Inlandseis zu gelangen, führte unmittelbar an dem etwas außerhalb Kangerlussuaqs gelegenen Golfplatz vorbei. So lag es wortwörtlich nahe, sich eingehender mit diesem Kleinod des sportlichen Weltgeschehens zu befassen.

Zwar habe ich vom Golfspielen soviel Ahnung wie Dieter Bohlen von hermetischer Lyrik*, dennoch wird es den einen oder anderen vielleicht interessieren, wie denn der nördlichste Golfplatz der Welt so ist als Golfplatz. Daher habe ich ihn kurzerhand getestet. Dabei konnte ich mir das Greenfee von 50 dänischen Kronen (ca. 7 Euro) sparen, weil ich – wie schon erwähnt – sowieso nicht spielen kann und auch weder Kassierer noch Greenkeeper, Caddie Master oder Course Manager, sondern überhaupt niemand zugegen war, der den Obulus hätte entgegennehmen können.

Golfplatz Kangerlussuaq

Aber kommen wir endlich zum eigentlichen Test: Das Gelände ist sehr übersichtlich; man kann vom siebten Loch das fünfzehnte sehen, vom zweiten das achte, vom sechzehnten das dritte und so weiter – also alles auf einmal. Der Golfplatzplaner musste sich nicht mit Hindernissen wie Bäumen, Sträuchern und dergleichen herumschlagen, weil es solcherlei Gewächse dort gar nicht gibt. Allerdings auch keinen Rasen, was das Gesamtbild der ansonsten recht pittoresk gelegenen Anlage ein wenig beschädigt. Auf der anderen Seite würde eventuell vorhandenes Grün ohnehin von den hier zahlreich marodierenden Moschusochsen vertilgt, zertrampelt oder wenigstens zugeschissen werden. Ein diesbezüglich als Hindernis erstellter Zaun dürfte nicht viel länger halten als die Blase eines Patienten der Incontinentia urinae. Insofern ist der Verzicht auf grünes Green nicht nur schlau, sondern gibt dem ganzen Ensemble ein braungraues Gepränge, das weltweit wohl seinesgleichen sucht. Die zahlreichen natürlich gewachsenen Bunker sowie der nahebei strömende, Inlandseiswasser transportierende Fluss verleihen dem Gelände des „Sondre Arctic Desert Golf Club“ – so der richtige Name dieses einzigartigen Vereins – einen zusätzlichen Reiz. Auch das einer Baracke nachempfundene Clubhaus hat einen überaus eigenen Charme. Die gelben Wimpelchen, die die Löcher markieren, flattern fröhlich im eisigen Wind und zeigen dem einsamen Besucher, wohin er den Ball zu hauen hätte – wäre einer da.
Weil ich weder entsprechende Geräte mitführe noch gar wüsste, was damit zu tun wäre, begnüge ich mich mit einem gefakten Putt, um tatsächlich Golf spielende Freunde in der Heimat neidisch zu machen, denn palmenreiche Sandstrandpostkarten sind hier rar. Dass hier überhaupt kein Ball im Spiel ist und der Ast, den ich in der Hand halte, dafür so geeignet ist wie Daniel Küblböck als vierter Tenor, erkennt man auf dem miserablen Bild (s.o.) ohnehin nicht.

Fazit: Wer gerne im Sandkasten spielt, ist hier nicht falsch. Hardcore-Golfer kommen aber besser im Winter. Da ist mehr los.

Bewertung

  • Anzahl Löcher: 18 (geschätzt)
  • Catering: – (nicht bewertet)
  • Clubfeeling: * (für klaustrophobe Egomanen: *****)
  • Exotik: *****
  • Erreichbarkeit: * (für Flugzeugbesitzer: ****)
  • Länge: keine Ahnung
  • Naturerlebnis: ***** (für Annette Frier und Andreas Kalt: *)
  • Neidfaktor: *****

PS: Gerade als ich mit dem Testberichtschreiben fertig bin, ereilt mich die Mahnung, nicht alles zu glauben, was das Netz behauptet und wenigstens mal eine kleine Googlerecherche zu starten. Unter Umständen habe ich gar nicht den nördlichsten Golfplatz der Welt getestet, sondern lediglich den zweit-, dritt- oder gar viertnördlichsten?

In der Tat ist die Recherche niederschmetternd:

Behauptung/Quelle/Ort Land Position
„Wer jedoch den Stadtplan von Fairbanks auseinander faltet, sieht gleich, dass der 1993 gegründete ‚North Star Golf Club‘ […] noch einen Finger breit weiter nördlich liegt: bei 64 Grad und 53 Minuten nördlicher Breite. Damit macht er seinem Nachbarn den Ehrentitel, der nördlichste Golfplatz auf dem Kontinent zu sein, zu Recht streitig.“ USA / Alaska 64° 53′ N
Nördlichster Golfplatz der Welt in Island“ sind zwei Bilder auf der Webseite der Schweizer Familie Herzig untertitelt. Island liegt aber deutlich südlich des Polarkreises. Island <66° 33' N
„Wussten Sie, dass der nördlichste Golfplatz unserer Erdkugel in Rovaniemi am Polarkreis liegt?“ Finnland 66° 30′ N
„Nördlichster Golfplatz der Welt – Diesen Titel hält der Sondie Arctic Desert Golfclub in Kangerlussuaq, Grönland.“ Grönland 67° 01′ N
„Der nördlichste Golfplatz Europas befindet sich im schwedischen Teil von Lappland 100 km über dem Polarkreis. Ein warmer Golfstrom sorgt in Gällivare für ein mildes Klima.“ Schweden 67° 08′ N
Ein Wikipedia-Bild ist untertitelt mit „Der nördlichste Golfplatz der Welt auf den Lofoten.“ Die Lofoten liegen etwa zwischen dem 67. und 68. Breitengrad. Norwegen 67°-68° N
„Auf Røkenes liegt der nördlichste Golfplatz der Welt, auf dem bei Mitternachtssonne gespielt werden kann!“ Norwegen 68° 46′ N

Anscheinend gewinnt Norwegen. Aber vielleicht kann ja der eine oder die andere geneigte Leser resp. Leserin mehr Mittsommerlicht in die verfahrene Situation bringen. Oder jemand hat mehr als 68° 46′ N recherechiert. Gebote?
Und kommt mir nicht mit Ice Golf in Uummannaq! Der Kurs hat nur neun Löcher.

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* Obgleich … wenn man’s recht bedenkt … Kirsche, Kirsche, Dame …

10 Gedanken zu „Kalaallit Nunaat (pingasut)

  1. Ist es dann wenigstens die nördlichste Bowlingbahn?
    Oder der nördlichste Ruderclub?

  2. Gastrechercheur(inn)e(n) sind immer willkommen.
    Zefix! Jetzt hab ich mir „Scheri Scheri Leidi“ als Ohrwurm eingefangen.

  3. Das Ohrwürmer aber auch immer so niveaulos sein müssen!

  4. Das Greenfee ist im Weltvergleich unschlagbar günstg. Die Greens müsste man wahrscheinlich besser Whites nennen. Ansonsten müsste man das Ding mal spielen, um mehr zusagen. Wintergolf ist ja nicht Ungewöhnliches. ;-)

  5. Eigentlich müsste man die Greens nicht einmal Whites, sondern eher Sands nennen, denn das ganze Ding ist eigentlich ein großer Sandbunker. Wenn sie in der Stadt Sand oder Kies brauchen, fahren sie mit dem Laster zum Golfplatz und holen sich ne Ladung.

  6. Fein, dann ist das Weltwissen gerade eben um eins gestiegen. Danke dafür!

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