Kalaallit Nunaat (sisamat)

Flagge von GroenlandTeil vier der Grönlandia beschäftigt sich mit der grönländischen Geschichte (die ganz schön alt ist), dem grönländischen Staat (den es irgendwie gar nicht gibt) und grönländischen Nummern (zu denen wir eine Frage an den geneigten Leser haben).

Dass die größte Insel der Welt ziemlich leer ist, wissen wir schon. Ziemlich kalt aber auch. So kalt, dass lange Zeit überhaupt niemand da wohnen wollte. Erst vor etwa 4.500 Jahren kamen die ersten Amis ins Land, die damals natürlich noch nicht so hießen. Sie waren ihrerseits 500 Jahre vorher aus Russland gekommen, waren also eigentlich Russen (wenn das der Herr Bush wüsste!). Aber auch die hießen damals noch nicht so.

Auf jeden Fall waren es Eskimos. Das wiederum sagt man heute nicht mehr, weil „Eskimo“ anscheinend ein Schimpfwort der Indianer für die Eskimos ist und „Rohfleischesser“ bedeutet. Indianer sagt man aber auch nicht mehr, sondern „indigene Völker Nordamerikas“. Und die Eskimos heißen heute „Inuit“, was so viel heißt wie „Menschen“. Es ist alles viel schwieriger geworden seit der Zeit, als Winnetou in Dresden vorbeischaute, um seinen Freund Scharlih zu besuchen.

Wie auch immer: Die Russen Amis Inuit, die sich damals in der Gegend der Diskobucht niederließen (ich spare mir jetzt den Witz mit der Russendisko), nennt man heute „Saqqaq-Kultur“. Die indigenen Völker, Amis, Inuit, Eskimos, Russen, Indianer und alle Wie-auch-immer-sie-heißen, die in den Jahrtausenden danach von Kanada nach Grönland kamen, erhielten weitere interessante wissenschaftliche Namen wie „Independece-I-“ und „Independece-II-„, „Dorset-“ oder „Thule-Kultur“.

WikingerbooteErst dreieinhalbtausend Jahre nach den ersten Einwanderern aus Kanada wurde die wahrlich nicht kleine Insel von den Europäern entdeckt. Und vor genau 1.024 Jahren kamen Wicki und die starken Männer Erik der Rote und seine Gefolgsleute aus Island hierher (das Bild zeigt typähnliche Wikinger, nicht aber Herrn Rote persönlich). Weil die Insel ziemlich leer war (wir hatten das Thema schon), sie sich etwas einsam fühlten und zu wenige Weiber vorhanden waren, verfielen sie auf den Gedanken, noch weitere Siedler (und Weiber!) herzuholen. Damit die anderen Siedler (und die Weiber!) das auch für eine gute Idee hielten, dachten sie sich, dass es clever wäre, die Insel „Graenland“ zu nennen. Das bedeutete auf nordmännisch „Grünland“ und darauf standen die Bauern ziemlich, weil sie hier ihre Schafe (und die Weiber!) weiden lassen konnten. Dieser Marketingkniff wird bis zum heutigen Tage angewandt.

Aus „Grünland“ wurde „Grönland“ und in seiner weiteren Geschichte wurden die Wikinger christianisiert (ein merkwürdiger Vorgang, der auf eine Begebenheit östlich des Mittelmeers 1.000 Jahre vorher zurückzuführen ist und mit den Wikingern eigentlich überhaupt nichts zu tun hatte), entdeckten ihrerseits Nordamerika zurück, verloren dann den Kontakt zu Europa und wurden schließlich von den Eskimos Inuit ausgerottet.

Hans EgedeNur ein paar hundert Jahre später, nämlich 1721, entdeckten die Europäer Grönland schon wieder. Und blieben diesmal länger. Zum einen, weil der norwegisch-dänische Missionar Hans Egede (hier mit Schmidt Krause) es ziemlich blöd von den Inuit fand, dass sie die Sache östlich des Mittelmeers schon wieder vergessen hatten, und sich damit beschäftigte, sie diesmal besser zu christianisieren. Was ihm dank seiner Übersetzungskünste („unseren täglichen Seehund gib uns heute“) auch ganz gut gelang. Zum anderen, weil es vor der grönländischen Küste lecker Wal gab. Denn weil schon damals Öl die Welt regierte, erschien es opportun, hie und da eine kleine Walfangstation zu bauen. Von da an traten sich Engländer, Holländer, Deutsche, Amerikaner, Norweger, Dänen und andere Walfangbegeisterte in Grönland auf die Hacken. Erst nachdem sie so viele Wale totgemacht hatten, dass sich das Hinfahren nicht mehr lohnte, verschwanden die Walfans wieder. Bis auf die Norweger und Dänen – wahrscheinlich, weil sie die Kälte schon gewohnt waren. Nachdem sich auch die beiden ehemaligen Wikingerkollegen ein Weilchen gestritten hatten, verzogen sich die verschnupften Norweger und überließen den Dänen die Insel endgültig. Das war 1933.

SelbstbestimmungSo kennen wir das aus dem Erdkundeunterricht: oben links diese weiße Insel, die im oberen Teil Richtung Nordpol abknickt und auf der wir beim ersten Mal erstaunt lesen: „(gehört zu Dänemark)“. Hui! So viel Land gehört Dänen denen? Was die meisten nicht wissen: Seit 1979 ist Grönland autonom und seit 1985 auch aus der Europäischen Gemeinschaft ausgetreten – ein Unterfangen übrigens, für das es damals sogar ein deutsches Unterstützungskomitee (im Bild zu erkennen: der Aufruf zur Unterschriftenliste) gab. Heute werden die Grönländer nur noch außenpolitisch von Dänemark vertreten.

Als Tourist kommt man mit dem grönländischen Staatswesen kaum in Berührung. In unserem Fall aber gleich zweimal: Mit der Post und der Polizei. Bei der Post erwarben wir den Angelschein, der das Entnehmen arktischer Saiblinge aus den Bächen der grönländischen Wildnis staatlich sanktioniert, bei der Polizei hingegen Sicherheit. Denn der Wanderführer empfiehlt dem Grönlandreisenden, sich bei Betreten der Wildnis ab- und bei deren Verlassen zurückzumelden. Und das gilt nicht nur für unbedarfte Anfänger mit mieser Ausrüstung.

Das Abmelden fand bei uns eher indirekt statt, denn als wir losmarschieren wollten, war die Polizeibaracke in Kangerlussuaq geschlossen und ein Schild erinnerte daran, dass gerade Mittagspause sei. Da wir nicht warten wollten, bis die örtlichen Ordnungskräfte Feuerwehr-Hubschrauber aus Legoihren Moschusochsenschnitzelwecken vollends fertig vertilgt hatten, hefteten wir kurzerhand einen Zettel an die Holztür, auf dem wir unser Anliegen formulierten – nämlich vom Hubschrauber (Bild typähnlich, hier allerdings mit Feuerlösch-Funktionalität) bitteschön gesucht zu werden, sollten wir uns nach 14 Tagen nicht in Sisimiut zurückgemeldet haben. Bis heute wissen wir nicht, ob der Wind unsere Nachricht nicht schon fünf Minuten später weggeweht hatte.

Nichtsdestotrotz erledigten wir 12 Tage und 165 Kilometer später den zweiten Teil des Deals, nämlich den der Rückmeldung. Dazu begaben wir uns zur Polizeistation Sisimiuts, einem kleinen, schmucken Holzhäuschen im Zentrum der 5.000-Seelen-Gemeinde und stellten uns an den Tresen, der den Bürger vom Büro der Wachtmeister trennt. Da der männliche Vertreter der Ordnungsmacht mit dem Englischsprechen so seine Schwierigkeiten hatte, wies er seine Kollegin zum Tresen. Wir brachten unser Anliegen vor und gingen davon aus, dass irgendwo eine Liste mit erwarteten Wanderern herumläge, von der dann mit kühnem Strich unsere Namen getilgt würden. Das war aber nicht der Fall und wohl nicht nötig – entweder, weil es solche Listen gar nicht gibt, oder, weil unser Zettel befürchtetermaßen vom Winde verweht wurde. Immerhin notierte sie sich unsere Namen und Adressen sowie Start- und Ende-Datum unserer Wanderung.

Als wir uns fertig wähnten und schon zur Tür schreiten wollten, legte sie aber noch eine letzte Frage nach:
„And what is your number?“
„???“, antworteten wir wie aus einem Munde, sofern dieses nonverbal überhaupt möglich ist.
„Your number?“
„The passport number?“
„No, your number.“
„The ZIP-Code of the city where we live?“
„No, your personal number.“
„???“
„You must have a number. Everyone has a number.“
Nachdem wir alle denkbaren Nummern von Telefon-, Auto- und Sozialversicherungsnummern über das Geburtsjahr der Großeltern, den Lieblingslottozahlen und skurillen Bildernummern bis hin zu Schuh-, Unterhosen- und Körbchengröße durchgerattert hatten, blieb am Ende nur beiderseitiges Achselzucken übrig. Schließlich erbarmte sich der männliche Kollege, der dem Dialog lauschend beigesessen hatte, und meinte:
„Maybe they don’t have a number.“
Das fand die Polizistin zwar äußerst skurril, gab dann aber die Nummernfragerei auf. Sie markierte auf ihrem Papier ein Nichts und entließ uns mit einem freundlichen Gruß sowie einem bedauernden Kopfschütteln. Die restlichen Tage, die wir in der Stadt verbrachten, waren begleitet von vorbeifahrenden Polizeifahrzeugen mit freundlich grüßenden, aber kopfschüttelnden Insassen. Wir fühlten uns wie dunkelhäutige, behinderte, lesbische, schrumpelige Babymuränen, auf die minderjährige, picklige Tauchanfänger höhnisch mit dem Finger zeigten. Wir waren Nichts.

Daher der dringende Aufruf an alle Leserinnen und Leser:
Wir wollen auch eine Nummer! Kann uns bitte irgendjemand sagen, um was es sich dabei handelt und woher wir die kriegen?

4 Gedanken zu „Kalaallit Nunaat (sisamat)

  1. Ich nehme an dass die dort so etwas wie eine „Buergernummer“ haben, so etwas gibt es z.B in Schweden auch (habe ich glaube ich neulich auf irgendeinem Blog gelesen ;-)).

    Da bekommt jeder Buerger halt eine Nummer zur Identifikation. Aehnlich wie die beruechtigte Social Security Number in den USA, die man dort auch fuer alles moegliche braucht.

  2. Da es eine solche Bürgernummer auch in Dänemark gibt, nehme ich an, dass es die wohl ist. Danke für den Tipp!
    Coole Webadresse hast Du da! ;-)
    Und Zusatzfrage: Wie sprechen die Engländer und Schotten eigentlich Deinen Namen aus? Groovy?

  3. Irgendwer musste sich die Adresse ja sichern, vor allem bei den immer wiederkehrenden Diskussionen ueber Spin und Luegen in der Politik. Leider komme ich jetzt und in den naechsten Wochen vermutlich nicht viel zum Bloggen. Muss ich morgen oder am Wochenende mal drueber bloggen ;-)

    Die Aussprache? Groovy sagen vor allem Freunde und Bekannte von mir. Die meisten sagen grew (so wie der past tense von to grow), inzwischen habe ich mir das selber auch so angewoehnt. Insbesondere am Telefon, ging das oft so:

    Hello, Armin Grewe (deutsche Aussprache von Grewe) speaking! Oh, can I speak with Mr Grew please?

    Irgendwann habe ich dann aufgegeben.

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