Kid-Cuts (17)

Nachdem die Liebste schon vor geraumer Zeit einen Erste-Hilfe-Kurs für Kleinkinder absolviert und mir das Nötigste davon eingetrichtert hat, bin nun ich an der Reihe, unsere so erworbenen Kenntnisse aufzufrischen. Sie warnt mich vor der ersten Sitzung eindringlich vor angeblich furchteinflößenden Kursinhalten, ein Hinweis, der völlig unnötig ist, denn ich bin hart im Nehmen.

Unsere Kursleiterin ist gelernte Kinderkrankenschwester im Intensivbereich, verfügt nach eigenen Angaben über einen enormen Erfahrungsschatz bezüglich möglicher Kinderunfälle, möchte uns aber „wirklich keine Angst machen“. „Daher“, so beschließt sie milde die kurze Einführung, „lassen Sie all das, was Sie hier hören, am besten in diesem Raum und nehmen nichts davon nach Hause außer dem Wissen, dass Sie nun besser vorbereitet sind auf alle Eventualitäten“ – schließlich werde mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% überhaupt nichts Schlimmes passieren.


Dazu händigt sie uns wohlgestaltete Broschüren von Giftzentralen, Krankenkassen und medizinischen Bundesbehörden aus, in denen detalliert steht, was alles Schlimmes passieren kann. Wir nehmen selbstverständlich alle erreichbaren Druckstücke mit nach Hause und werden sie dort bis zur letzten Fußnote verschlingen, um uns danach schlaflos im Bett zu wälzen.

Im anschließenden Vortrag lässt die Kursleiterin keinen Unfall aus, den sie je erlebt hat. Als da wären: Treppen-, Leiter- und Klettergerätstürze, Ersticken durch Fremdobjekte wie Bonbons oder Apfelschnitze, Verätzen mit Spülmaschinentabs, Erdrosseln mit Luftballonschnüren, Inhalieren von giftigen Terpentindämpfen, Extraktion von Gliedmaßen mit elektrischen Messern, Stromschläge aus der Steckdose bei Onkel Holger, Verbrühungen durch vom Herd gezogene Kochtöpfe, Ertrinken im drei Zentimeter tiefen Gartenteich, Vergiftungen duch abgelutschte Zigarettenkippen auf Spielplätzen oder exotische Pflanzen im Garten, Verbrennungsschock nach Verbrennungen durch zur Unzeit verwendeten Brandbeschleuniger beim Grillen, Krampfanfälle bei hohem Fieber, Bisswunden durch den eifersüchtigen Hund von Nachbar Häberle, Unterkühlungen durch zu kurze Beinkleider im Buggy mit anschließendem Hautverlust beim Abrubbeln der steifen Kinderhändchen, Herzattacken durch Einnahme der eigentlich Oma Inge zugedachten Pillen sowie selbstverständlich und immer vornedran: der plötzliche Kindstod – all das flankiert von am Haus vorbeifahrenden Notärzten, weil die verantwortungslosen Rabeneltern noch immer keine Hausnummer angebracht haben.

Die anwesenden Mütter und Väter werden bleich und bleicher, einzelne erreichen Farbtöne, die in der Papierindustrie unter „blütenweiß“ laufen, aus der hinteren Ecke ist Schluchzen zu vernehmen, einer verlässt den Raum und kehrt mit Flecken von Erbrochenem auf dem Hemd zurück, eine Teilnehmerin wird bis zum Ende der Sitzung mit hochgelegten Beinen auf die Liege im Nebenraum ausgelagert. Als die Kursleiterin nach zwei Stunden mit der Bemerkung schließt, es könnten nun Fragen gestellt werden, herrscht angstgeschwängerte Stille, niemand möchte weiteren Details ausgesetzt werden.

Betreten tragen wir unsere Namen in die Anwesenheitsliste ein, pressen „schön Amnd noch“ aus der vom Hyperventilieren malträtierten Lunge, schleichen erniedrigt aus der kirchlich betriebenen Erwachsenenbildungsstätte, radeln auf Fahrrädern mit nicht TÜV-geprüften Kindersitzen nach Hause und beginnen noch in der selben Nacht mit dem durchgreifenden Umbau unserer Wohnungen.

In zwei Stunden muss ich zur nächsten Sitzung.
Mir ist schlecht.

5 Gedanken zu „Kid-Cuts (17)

  1. Hat sie euch denn gar nichts beigebracht? Eine seltsame Krankenschwester, denn die Horrorgeschichten bringen ja im Notfall nichts, man ist im Gegenteil eher noch aufgeregter.
    Falls du den Kurs wechseln wollen solltest, der vom DRK in Rottenburg soll ziemlich gut sein.

    Ach ja, willkommen zurück im Schwabenländle.

  2. Möglicherweise habe ich aus dramaturgischen Gründen ein klitzekleines bisschen übertrieben.

  3. @Ecki: Korrektur nach der 2. Sitzung: Habe nicht über-, sondern untertrieben. Und: Nun machen auch die Teilnehmer mit. Einer erzählte die Geschichte von dem Mann, dem von einem anderen mit der Machete der Arm abgeschlagen wurde, der den Angreifer daraufhin überwältigte und heute Regisseur ist. Kursleiterin wörtlich: „Das ist natürlich ungut, wenn einem so etwas passiert.“
    @juf: Komisch: Sie hat sich als Karin vorgestellt.

  4. ich glaube, karin ist der schlimmste feind von uschi von der leyen. in einer stunde jahrelange pr-arbeit im arsch.

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