Krasse Woche

Airens autobiographischer Roman „Strobo“ erschien im August 2009. Bekannt wurde er aber erst dadurch, dass die vom Feuilleton gefeierte Nachwuchsautorin Helene Hegemann in ihrem Debutroman „Axolotl Roadkill“ etliche Passagen aus „Strobo“ verarbeitete, ohne die Quelle zu nennen. Jedenfalls nicht direkt.

Die Plagiatsvorwürfe verschafften sowohl Hegemann als auch Airen eine „krasse Woche“. Hegemann trat bei Harald Schmidt auf, Airen kotzte. Und führte Tagebuch. Ich schreibe daraus ab:

Sonntag, 7.2.

An den Wochenenden gehen Nancy, meine Frau, und ich immer spazieren. Vor den Gemäuern der Nikolaikirche setzen wir uns eine Weile. Auf dem Rückweg mache ich noch einen Abstecher ins Internetcafé, mal die Mails checken. Es sind 28. Wenn ich heute darüber nachdenke, war das, dieser Moment, als ich da 28 neue Mails sah und eine nach der anderen aufklickte, der Augenblick, an dem ich Schritt für Schritt in ein neues Leben trat.

Montag, 8.2.

Du bist in der Zeitung, Alter, denk ich. Im Posteingang sind diesmal 42 Emails. Die Zeit, Der Spiegel, ARTE und WDR bitten um ein Statement, oder am liebsten gleich ein Interview. Ich checke auch seit langem wieder einmal meine Blogstatistiken. Nachdem ich seit beinahe einem halben Jahr keine Texte mehr geschrieben habe, dümpelten die Besucherzahlen irgendwo zwischen zehn und zwanzig pro Tag. Heute sind es achtundvierzigtausend.

Dienstag, 9.2.

So unglaublich das ist – langsam kann ich mich nicht mehr darüber freuen. Die Erfahrung beginnt allmählich, krass zu werden. In der letzten Nacht konnte ich nicht eine Sekunde schlafen. Ich zermartere mir pausenlos das Hirn. Ich denke nur noch an dieses eine Thema. Ich schwitze. „Strobo“ ist seit dem frühen Morgen ausverkauft, nicht lieferbar. Morgen Interview mit der FAZ.

Mittwoch, 10.2.

Ich kann noch immer nicht schlafen. Mehr als 48 Wachstunden habe ich selbst mit Drogen selten durchgestanden.

Donnerstag, 11.2.

Ich stehe auf und kotze. Zeitungen kaufe ich heute nicht. Ich will nur noch, dass es aufhört. Helene Hegemann tritt auf. Sie scheint oben auf zu sein. Falsch gemacht habe sie gar nichts. Sie erwähnt weder mich noch mein Buch mit einem Wort. Ob ich Helene einmal treffen wollte, hatten mich viele in den letzten Tagen gefragt. Nach dieser Sendung nicht mehr.

Freitag, 12.2.

Die erste Nacht mit Schlaf. Der Pyjama war am Morgen trotzdem durchgeschwitzt. Die FAZ bringt das Interview. Endlich Worte in meinem Sinn, endlich meine Sicht der Dinge.

Samstag, 13.2.

Auf der Straße ziehe ich mir die Kapuze etwas tiefer ins Gesicht. Dabei ist die Gefahr, hier in Berlin-Moabit auf einen Spiegel-Leser zu treffen, ziemlich gering. Deef Pirmasens hat spontan eine Lesereise durch Deutschland organisiert und wird „Strobo“ in verschiedenen Großstädten multimedial vorstellen.

Sonntag, 14.2.

Die beiden letzten Nächte konnte ich schlafen, auch wenn ich den Pyjama jedesmal am frühen Morgen gegen einen trockenen tauschen musste. An diesem Sonntag Vormittag will ich nur raus aus Berlin, Abstand gewinnen.

Montag, 15.2.

Schon wieder ist mein Posteingang voll. Doch diesmal mit Angeboten. Und eine Mail ist vom Rolling Stone. Ob ich nicht Lust hätte, ein Tagebuch über die letzte Woche zu schreiben. Ich nehme an.

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