Neu im Regal (16)

Sasa Stanisic - Wie der Soldat das Grammofon repariertSaša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert. München (Luchterhand) 2006.

Wer 1980 nach Griechenland trampte, nahm den Autoput durch Jugoslawien, wurde aufgelesen von Lastwagenfahrern oder Handwerkern, selten von Touristen, nie von Gastarbeitern auf Heimreise, denn deren Autos waren vollbepackt bis übers Dach. Man aß an den Ständen entlang der Straße und schlief im Straßengraben.

1980 war dies auch meine Reiseweise. Tito war erst seit kurzem unter der Erde und ich lernte zweierlei. Das eine: Viele Jugoslawen können Deutsch. Ihr Akzent ist weich und hart zugleich und man möchte nicht aufhören, ihnen zuzuhören. Das andere: Es gibt gar keine Jugoslawen. Mitgenommen wird man von Slowenen, Kroaten, Serben, Albanern, Mazedoniern …

Saša Stanišić wurde 1978 im bosnischen Višegrad geboren und flüchtete 1992 mit seiner Familie vor dem Krieg nach Deutschland. In seinem Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ erzählt er auf metabiografische Art davon. Letzte Woche kam er in unsere kleine Stadt, um uns daraus vorzulesen.

Zum Glück fand die Lesung wirklich statt und natürlich las er genau aus dem Kapitel vor, das ich gerade verschlungen hatte. Darüber war ich froh, denn ich merkte daran, dass ich das Buch nicht richtig gelesen hatte: Zu schnell nämlich und zu deutsch. Dabei müsste man es gedanklich mit einem Akzent lesen, der hart und weich zugleich ist.

Wenn ich mir mal was ganz Großes wünschen dürfte, wäre es das: Saša Stanišić liest mir sein Buch vor, dazwischen spielt Goran Bregović und zu Essen gibt es „Börek, es gibt Pita mit Kartoffeln, Pita mit Brennnesseln, Pita mit Kürbis, es gibt Walnusskuchen und einen Schluck Rotwein für mich; es gibt keine Reihenfolge, es gibt kein Hintereinander, es gibt ständig jemanden, der sagt, er könne nicht mehr, er bekomme unmöglich noch einen Bissen herunter, es gibt abwehrend fuchtelnde Hände und niemanden, der das Gefuchtel ernst nimmt, es gibt kein Zurück, es gibt beleidigte Gesichter, wenn jemand ernsthaft droht, beim nächsten halben Huhn sterben zu müssen; der Wein gibt dir zäheres Blut, sagt Ur-Oma und schenkt mir nach, wenn uns niemand zusieht; zu allem gibt es Weißbrot, Onkel Bora belegt kaltes Weißbrot mit warmem Weißbrot, sagt: ich bin im Weißbrothimmel, danach geht’s rüber ins Apfelweinparadies – das allerdings macht am Tag der Pflaume nur Probleme, das weiß Onkel Bora auch und lacht, als ihm Ur-Opa Sliwowitz ins Gesicht hält: wie willst du ihn trinken, freiwillig oder durch die Nase? Es gibt Bier, Weinbrand, es gibt Cognac, Eis klimpert in den Gläsern. Leere Teller gibt es niemals.“

Saša Stanišić hat auch ein Blog und das Buch gibt es als Hörbuch – nur leider nicht von ihm selbst gelesen, was schön wäre, denn sein Akzent ist weich und hart zugleich und man möchte nicht aufhören, ihm zuzuhören.

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