Neu im Regal (7)

Fan wirst du auf unerklärliche Art. Und du bleibst es auf Lebenszeit, ob du willst oder nicht. Nick Hornby hat dazu schon alles gesagt.
Die Fanwerdung findet meist in der Pubertät statt und fällt – vermutlich wegen hormoneller Überstopfung – massiver aus, als es der gesunde Menschenverstand zulassen würde.

Mit 14 oder 15 Jahren war ich zum ersten Mal allein im Ausland. Britrail-Ticket, schottisches Hochland, Dartmoor, Jugendherbergen. Irgendwo in London fiel mir eine Bandbiographie in die Hand, die ich – obwohl es mit meinem Englisch noch nicht so weit her war – am Stück verschlang. Die Band hieß Pink Floyd und ich war ihr auf Lebenszeit verfallen.

Die dazugehörigen Platten waren damals noch aus Vinyl, kamen aus dem Merkheft von Zweitausendeins und kosteten die gewaltigen Summen von 13,90 oder 14,90 (Mark!). Ummagumma kostete 19,90 und deshalb habe ich diese Platte bis heute nicht. Jede Scheibe wurde rauf und runter gehört, die Texte mehr oder weniger gekonnt übersetzt und die Cover observiert, bis keine Farbe mehr drauf war.

Viel später dann der Konzertbesuch, die kritische Distanzierung, das erneute Verfallen, die Trauer bei der Trennung und die Entdeckung, dass aus den Heroen alte Herren wurden, die humoristische Interviews in der Süddeutschen Zeitung gaben. Schließlich der Tod Syd Barretts, der die ganz alten Scheiben mal wieder auf den Plattenteller brachte. Und nun das:

Nick Mason: Inside Out.Nick Mason: Inside Out. Mein persönliches Porträt von Pink Floyd. Schlüchtern (Rockbuch Verlag) 2005.

Nick Mason, der Drummer von Pink Floyd, schreibt also ein Buch über die Band. Auch angesichts des Preises von knapp 50 Euro kein Moment des Zögerns: Das Ding muss her! Amazon beauftragt, tagelang gewartet, Paket endlich erhalten, zuhause aufgemacht, dann erstmal Hände gewaschen und schließlich den gut zwei Kilo schweren Schmöker mit spitzen Fingern auf den Tisch gelegt. Drüber gestrichen und eine Gänsehaut gekriegt.

Vor mir liegt ein schönes Buch. Das Cover ist von Storm Thorgerson, dessen Firma Hipgnosis früher die genialen Pink-Floyd-Cover produzierte. Das Buch ist dick. Das ist gut, denn ich will ja ein Weilchen dran haben. Ich schlage das schöne, dicke Buch mit einem fast religiösen Empfinden auf und versinke in Sekundenschnelle drin. Es ist ein Buch zum Reinliegen und dürfte einfach nie aufhören.

Das Schöne: Ich finde mich selber drin wieder. Zumindest am Anfang. Denn der gleicht jeder anderen Band. Während wir alte Röhrenradios in der Kirche aufbauten und hofften, dass sie möglichst nicht vor der Predigt in Flammen aufgingen, hatten die Floyd Probleme mit alten, nicht abgeschlossenen Transportern. Und während ich gerne die Geschichte von der Heavy-Metal-Kombo erzähle, die ich ein paar Jahre lang abmischte, deren erste Nebelmaschine aus einem Bündel Zigarren und einem Staubsauger bestand, erzählt Nick Mason von ihren Bemühungen, bessere Lightshows als andere zu haben:

Peter fand heraus, dass sich die besten polarisierten Stressmuster mit Kondomen erzielen ließen. So kam es, dass unser Transporter mit der Roadcrew eines Abends von der Polizei angehalten wurde und die Gesetzeshüter zu ihrem Erstaunen ein Mitglied der Crew auf dem Beifahrersitz einen Haufen Kondome zerschneiden sahen. ‚Denken Sie sich nichts‘, lautete Peters gelassener Kommentar. ‚Das ist unser Roadie – er hat sie nicht mehr alle.‘

Mit fortschreitender Dicke der gelesenen Buchseiten entfernt sich die Superbombastgroup der 70er- und 80er-Jahre natürlich von diesem Amateurhaften. Umso schöner ist es (nicht nur für den Fan), aus dem banalen Alltag einer Band zu erfahren, die Meilensteine wie The Dark Side of the Moon erschufen:

Roger und ich schnitten die Bandschleife für ‚Money‘ in unseren Heimstudios und brachten sie mit in die Abbey Road. Ich hatte Löcher in alte Pennies gebohrt und sie dann auf Fäden gezogen; sie ergaben einen der insgesamt sieben Sounds auf dem Band. Roger steuerte eine Aufnahme von Münzen bei, die in einer Rührschüssel geschwenkt wurden – es war die Schüssel, die Judy als Mischbehälter für ihre Töpferei verwendete. Das zerreißende Papier hatten wir ganz einfach mit einem Mikrofon aufgenommen, und die gute alte Soundbibliothek lieferte die Registrierkasse. Danach maßen wir die Bandlänge jedes Sounds mit einem Lineal, schnitten sie auf die gleiche Länge und klebten das Band sorgfältig zusammen.

Selbst wenn Nick Mason davon erzählt, wie er mit seinem Ferrari, Maserati, Lamborghini oder was auch immer für einen Flitzer er gerade fuhr, mit irgendwelchen Soundschnipseln zwischen zwei Studios und einer Villa in den französischen Alpen hin- und hergondelt und zwischendrin noch Rennen in Le Mans fährt, hat man das Gefühl, dass hier ein Lausbub zwischen Schule und Hausaufgaben mit seinen Freunden im Wald spielt.

Dabei verschweigt er nicht die Krisenzeiten der Band. Die unangenehmen Seiten des Musikbusiness, die persönlichen Niederlagen, das Ende von Freundschaften – all das wird nicht ausgeklammert. Und trotz des überall zu Tage tretenden britischen Humors merkt man, dass manches davon noch unverarbeitet ist und – wie im Fall Syd Barretts – auch bleiben wird.

Ob dieses Buch auch dem Nicht-Pink-Floyd-Fan etwas gibt, überraschende Einblicke bietet, Neues erzählt, witzig genug ist, um ihn zu fesseln, ihn vielleicht zum Fan machen kann, ist mir – ehrlich gesagt – wurscht.

Ich liebe es.

Ein Gedanke zu „Neu im Regal (7)

  1. Legendär war ja der Auftritt von Nick Mason bei BBC Top Gear wo er als Gegenleistung für die Leihgabe seines Ferrari sein Buch promoten durfte. (Ferrari hatte keinen „Enzo“ herborgen wollen, und Nick Mason ist einer der weniger Besitzer eines solchen). Das Buch wurde bei jeder Gelegenheit mit der unnachahmlich „dezenten“ Art von Top Gear in den Beitrag eingebaut.

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