neusprech.org

Manchmal bleiben mir bei der morgendlichen Zeitungslektüre Wörter im Hals stecken. Oder besser: Im Hirn. Das sind Wörter, die auf den ersten Blick logisch klingen, beim Darübernachdenken mich aber sprachlich stolpern lassen. „Geordnete Insolvenz“ ist ein solches Wort. Das kam im Zusammenhang mit der Opelpleite aufs Zeitungstapet. Hört sich zuerst nach einer feinen Idee an, fordert dann aber zum naheliegenden Widerspruch auf: „Was ist dann eine ungeordnete Insolvenz?“ Ein anderes typisches Beispiel: „Alternativlos.“ „Alternativlos“ sagen etwa Politiker, wenn es ganz viele Alternativen gibt, sie aber eine ganz bestimmte präferieren. Den „alternativlosen“ Bundeswehreinsatz in Afghanistan zum Beispiel.

Wozu solche Wörter gut sind, darüber hat einst George Orwell gründlich nachgedacht und seine Überlegungen in den Roman „1984“ gepackt. „Neusprech“ nennt er dort die Sprache, die von der Obrigkeit dazu erfunden und benutzt wird, um das Denken der Menschen zu manipulieren.

All diese „Neusprech“-Wörter, die bei der täglichen Zeitungslektüre herausfallen, müsste mal jemand aufschreiben. Sie analysieren, sezieren, bloßstellen. Damit wir nicht auf sie hereinfallen. Von mir aus kann das gerne in einem Blog geschehen.

Oh, ich sehe gerade: Das gibt’s ja schon!

neusprech1

Zur Entstehung dieses Beitrags gibt es auch einen Beitrag. Aber das wisst ihr ja bereits.

3 Gedanken zu „neusprech.org

  1. Im Prinzip richtig, aber das Problem ist, dass manch einer über die Worte stolpert, die er eigentlich ganz anders und dann doch wieder so gemeint hat und sich dann falsch verstanden fühlt. Und wenn dann Horst „Rechtfertigung“ mit „Berechtigung“ velwechsert (E. Jandl), dann haben wir doch das „Prinzip Merkel“, mit dem heute in einer Kultursendung der Erfolg von Lena erklärt wurde. Horst und Lena auf allen Kanälen: Wir sind alle so was von normal und feiern mit Lena (macht sie jetzt Ersatzfrau für Kachelmann: Es regnet doch… geht doch rein…) und weinen mit Horst. Und morgen, Kameraden, zeigen wir’s „dem Ägypter“, der seine (?) Nofretete zurück will!

  2. Eben. Wir lassen uns entpolitisieren. Und applaudieren noch dazu.

  3. Es gibt zwar die Initiative „Unwort des Jahres“. Aber die kürt ja in der Regel nur Wortschöpfungen, die den Aufhänger für die Kritik an ihnen gleich mitliefern. Das Gute an Deinem Vorschlag ist, dass er ein Sensorium für Hülsen und rhetorische Versatzstücke anspricht, die sachlich und konsensfähig anmuten, aber bei näherer Betrachtung ziemlich perfide sind. Für mich ist „Leistungsträger“ auch so ein Wort. An sich ist daran nichts auszusetzen. Doch sein Verwendungskontext und das Klientel, das ein Abonnement darauf zu haben glaubt, haben zumindest meinen Begriff dieses Wortes langfristig verstrahlt.

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