Offene Antwort

Vor einigen Tagen hatte mich ein Zeitungsartikel zum Thema Behindertenintegration derart auf die Palme gebracht, dass ich darauf einen Offenen Brief formulierte. Dieser wurde nun (auf dem Postweg) beantwortet:

Vielen Dank für Ihre sachlich formulierte Anfrage. Beim Projekt Wohnheim geht es um – ursprünglich 48 – und jetzt 24 geistig behinderte Erwachsene, die exakt in der Mitte der Siedlung beheimatet werden sollen. Daran gehen alle Vorschulkinder und Schulkinder vorbei. In der Nähe sind Grünflächen und ein Waldstück. Die Kinder spielen sorglos auf den Straßen, in den Grünflächen und im Wald.

Grundsätzlich geht es mir nur um die Vorschulkinder im Alter von 3 bis 6 Jahren. Sie befinden sich auf einem anderen Entwicklungsniveau als ältere Kinder. Im Gegensatz zu Ihnen […] sind sie nicht mit geistig Behinderten aufgewachsen und konnten deshalb nicht am elterlichen Modell ein passendes Verhalten lernen. Niemand zeigt ihnen täglich den Umgang mit Behinderten. Der Umgang muss auch regelmäßig gesehen und geübt werden.
Bisher konnten die Kinder ohne Probleme alleine in den Kindergarten oder zum Einkaufen gehen. 24 Erwachsene schränken den Autonomieradius der Kinder ein. Vorschulkinder haben mit vielen Ängsten zu kämpfen, weil sie sich von ihren Eltern lösen. Außerdem sind sie durch ihr magisches Denken in Fantasien verstrickt. Diese Fantasien zeigen sich nachts in Angstträumen.

Vorschulkinder können Andersartigkeit wenig tolerieren, es sei denn, sie wachsen direkt mit einem behinderten Kind/Erwachsenen auf. Andersartigkeit macht diesen Kinder Angst. Sie reagieren dementsprechend ablehnend.

Wären wir in die Planung einbezogen worden, hätte man ein Getto durch die Verstreuung der Behinderten in der Hammerhalde – kleinere Wohneinheiten – verhindern können. Die Behinderten würden nicht als massive Gruppe auftreten und würden auch von den Kindern besser akzeptiert werden.
So entsteht in der Mitte der Siedlung ein großes Getto, das die soziale Landschaft der Siedlung extrem umprägt. Gettos werden nicht integriert siehe Ausländerbezirke. Kleinere Wohneinheiten lösen keine Angst aus.

Anbei noch mein Leserbrief.
Herzlichen Dank für Ihr Interesse und Ihre Sachlichkeit. Ich fühle mich von Ihnen nicht verurteilt.

Offenbar hatte der Zeitungsartikel einen regelrechten Leserbriefsturm ausgelöst. Frau Hildebrand antwortete darauf (leider nicht online verfügbar) unter der Überschrift „Die Vielgeschmähte meldet sich zu Wort“ wie folgt:

Liebe Leser!

Nachdem ich aus meiner Erstarrung erwacht bin, möchte ich mich zu Wort melden. Das steht einer Angeklagten zu.

Fakt ist, dass ich niemals gegen die Integration der Behinderten in das Gebiet der Hammerhalde gewesen bin. Ich habe […] nur um einen Bauplatztausch innerhalb der Hammerhalde gebeten. Das war mein Ziel.

Bei einer geplanten Einrichtung für behinderte Kinder hätte ich den Standort nicht kritisiert, denn dann würden zwei Gruppen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Bei diesem Projekt besteht in Bezug auf die Kindergartenkinder ein Ungleichgewicht, da es sich bei den Behinderten um Erwachsene handelt.

Meine Bitte um Verlegung der Einrichtung ist zum einen durch die Nähe des Wohnheimes zum Kindergarten und zum anderen durch die prälogische Entwicklungsstufe der Kindergartenkinder bedingt. Die Autonomiebestrebungen der Vorschulkinder sollten meiner Meinung nach auch unter keinen Umständen leiden.

Kindergartenkinder sind noch nicht die selbstbewussten und starken Kinder, wie wir sie gerne sehen würden: Sie leiden unter magischen und frei flottierenden Ängsten. Sie können immer nur einen Aspekt einer Situation verfolgen und sich deshalb noch nicht gut abgrenzen. Kinder dieser Entwicklungsstufe sind für mich immer noch besonders schützenswert.

Ich habe während der Versammlung betont, dass ich mich niemals für eine Veränderung des Bau-Platzes engagiert hätte, würde anstelle des Kindergartens ein Hort stehen. Das konnten alle während der Versammlung hören. Denn Schulkinder befinden sich auf logisch orientierter Entwicklungsstufe. Sie können bereits mehrere Aspekte einer Situation durchschauen, sich dementsprechend verhalten und abgrenzen.

Fakt ist auch, dass die Planung des Behinderten-Wohnheimes und die Information darüber ausgesprochen unprofessionell geschehen sind. Gemeinwesenorientierte Projekte verlangen eine Strukturanalyse des Wohngebietes. Darüber hinaus ist auch die Befragung und Einbeziehung der Bewohner von Anfang an bedeutsam, bevor man in eine konkrete Planung geht. […]

Das Gebiet der Hammerhalde ist dörflich strukturiert mit Tante-Emma-Laden und bietet den Kindern eine Straßenkindheit. Ein Großteil der Bewohner ist bereits in Rente und würde sich vielleicht über ein Begegnungszentrum für alte und junge Menschen freuen. Leider sind die Kinder bei uns eine Rarität, da es uns an jungen Familien fehlt. Vorschulkinder können ohne Probleme den Kindergarten alleine besuchen und draußen Roller fahren.

Wenn ein neues Projekt geplant wird, müssen alle wichtigen Standorte, öffentlichen Gebäude und Gruppierungen in die Planung mit einbezogen werden. Bei diesem Projekt kann eine Strukturanalyse nicht stattgefunden haben, denn sonst wäre Herrn Stöffelmaier aufgefallen, dass es zwangsläufig zu einer Interessenkollision kommen musste. Außerdem hat er sich weder ernsthaft mit den künftigen Bewohnern der Wohnanlage befasst, noch mit deren Betreuung oder mit dem Betreuungsschlüssel. Er konnte uns kaum Informationen geben. Nach meinem Demokratieverständnis müssen auch Einwände anerkannt und diskutiert werden.

Die Bewohner der Hammerhalde wurden nicht von Anfang an in dieses Projekt einbezogen, sondern sollten nur noch zustimmen. Dieses Projekt scheint einfach auf Anfrage am grünen Tisch entwickelt worden zu sein.

Vorschulkinder und auch die erwachsenen Behinderten sind schützenswerte Gruppen. Das Gebiet der Hammerhalde bietet genügend Platz für beide Gruppen, ohne jemanden zu verdrängen.

Ich selber stand auch in einem Gewissenskonflikt, da ich mit beiden Zielgruppen arbeite. Ich habe mich bei meinem Engagament für die Schwächsten entschieden, die keine Lobby haben, wie der Zeitungskrieg bewiesen hat.

Die Leserbriefschreiber wollen sich sicher gerne an der künftigen Integration der 24 behinderten Erwachsenen beteiligen, indem sie eine Patenschaft für einen behinderten Menschen übernehmen. Auch die Männer möchte ich besonders auffordern, die Integrationsbemühungen nicht nur den Frauen und Kindern zu überlassen.

Mit freundlichem Gruß
Gabriele Hildebrand

Zunächst einmal vielen Dank an Frau Hildebrand für die Antwort, mit der ich ehrlich gesagt nicht gerechnet hatte. Sie macht klar, dass sie sich nicht aus einem Reflex heraus gegen das Behindertenwohnheim wandte und auch nicht mit dumpfen Vorurteilen. Frau Hildebrand hat sich argumentativ mit dem Thema auseinandergesetzt, ist aber zu einem anderen Schluss als andere gekommen. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich die Sache nach wie vor anders sehe.

Ich glaube wie Frau Hildebrand, dass Kinder mit Ängsten zu kämpfen haben und dass ihnen Andersartigkeit Angst machen kann – so auch behinderte Menschen, wenn sie anders aussehen wie andere oder sich anders verhalten. Als Kind erschrak ich, als ich zum ersten Mal einen Schornsteinfeger sah, eine Fasnachtshexe, den Nikolaus. Aber mit der Erklärung der Welt relativieren und verlieren sich Ängste. Und das ist hier die Aufgabe der Erwachsenen, nicht das Ausgrenzen von Schornsteinfegern, Behinderten oder Nikoläusen. Im übrigen sieht dies die Leiterin des Kindergartens genauso:

„Sie kann sich Kooperationen mit einer Behindertengruppe auf vielfältige Art und Weise vorstellen: ‚Da sind wir offen für alles und würden das natürlich mit den Kindern thematisieren.'“ [„Kindergarten-Team geht in die Offensive“]

Ich denke wie Frau Hildebrand, dass kleinere Wohneinheiten mit geistig behinderten Menschen besser in einer Wohnsiedlung aufgehoben wären. Warum in diesem Fall ein größeres Gebäude geplant wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich gehe aber davon aus, dass dies vorwiegend finanzielle, vielleicht auch logistische Gründe hat. Da muss sich die Gesellschaft selber fragen, wieviel Bereitschaft sie für integrative Projekte aufbringt.

So wie ich die Berichterstattung verfolge, könnten Fehler von verschiedenen Seiten begangen worden sein. Vielleicht haben Caritas und Stadt zu spät daran gedacht, den Dialog mit den Anwohnern aufzunehmen. Der Oberbürgermeister weist dies von sich [„OB steht hinter Wohnprojekt“]. Möglicherweise hat sich die Zeitung eine ungenaue oder zuspitzende Berichterstattung zuschulden kommen lassen. Vielleicht hat sich Frau Hildebrand von Leuten vor den Karren spannen lassen, die andere Motive haben als sie selbst.

Ein wüster Leserbriefkrieg hilft hier nicht weiter, ein offener Dialog hingegen schon. Hut ab vor Frau Hildebrand, die sich der Diskussion stellt und das sachliche Gespräch sucht. Ich habe daraus einmal mehr gelernt, wie wichtig es ist, seine Meinung zu sagen, aber auch, dass man seinem Gegenüber die Möglichkeit lassen sollte, eine andere Meinung zu haben und sie ebenfalls zu äußern.

Weitere Meinungen von Bloggersdorfer Bürgern:

3 Gedanken zu „Offene Antwort

  1. Wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen dieselben Rechte haben, dann muss man gar nicht mehr darüber diskutieren, ob bestimmte Menschen an bestimmten Orten wohnen dürfen oder nicht.

  2. Möglicherweise kann man Frau Hildebrands Argumentation in gewisser Weise nachvollziehen, jedoch bleibt die Tatsache bstehen, daß sie in sehr verallgemeinernder Weise Menschen mit Down Syndrom als aggressiv und gefährlich dargestellt hat. Darauf ist sie leider in ihrem Antwortschreiben nicht eingegangen. Und das war es ja wohl ursprünglich, was die Menschen am meisten auf die Palme gebracht hat. „Anders sein“ und „Gefährlich sein“ sind zwei verschiedene Dinge.

  3. Zweimal voll einverstanden.
    Ich wollte mich gewiss nicht als Verteidiger von Frau Hildebrands Meinungen verstanden wissen.
    Ich hatte allerdings auch den Eindruck, dass insbesondere in den (von hier aus leider nicht einsehbaren) Leserbriefen derselbe Fehler begangen wurde und Frau Hildebrand pauschal als behindertenfeindlich verurteilt und ein Dialog überhaupt nicht gesucht wurde.
    Darüber hinaus wird immer davon ausgegangen, dass die Zitate in der Zeitung auch korrekt seien. Meine Erfahrungen mit der Presse haben mich da zu einer kritischen Vorsicht gebracht.
    Natürlich wäre es noch besser gewesen, wenn Frau Hildebrand zu allen Vorwürfen Stellung genommen hätte – am besten hier direkt.

    Nachtrag: Auch in den Stuttgarter Nachrichten ist jetzt eine kurze Zusammenfassung erschienen.

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