Passwortnot

Moderne Geldbeutel haben hinten ein Fach für Geldscheine, innen ein zuknöpfbares Münzfach und ansonsten Unmengen scheckkartengroßer Zusatzfächer. Vor allem letztere sind bitter nötig, denn mittlerweile hat der Durchschnittseuropäer ein oder zwei EC-Karten, eine Kreditkarte, einen Ausweis im Kartenformat, die Karte von der Krankenkasse, vielleicht ein oder zwei Kundenausweise, dazu eine Paybackkarte oder ähnliches – wenn’s reicht.

Für viele dieser Karten hat er eine PIN-Nummer, die er sich merken muss. Und nicht notieren darf. Alle paar Jahre werden diese Karten gegen ein aktuelles Modell getauscht und mit einer neuen PIN versehen. Das ist natürlich verheerend.

Ähnliches findet nun im Internet statt. Schon der durchschnittliche Onlinebanking-User verfügt über Benutzernamen, Passwort, PIN und TANs, die er nirgends schriftlich fixieren darf (wenngleich nach neueren Untersuchungen genau das getan wird und als weitaus beliebtestes Versteck dafür der Platz unter der Tastatur gewählt wird) – und selbstverständlich auch nicht abspeichern. Hat er zwei Konten oder gar noch eine Firma, dann wird es langsam schwierig.

Fast schon obligatorisch sind außerdem ebay- und amazon-Konto. Und haben wir es mit einem Web 2.0-affinen Geek oder Nerd zu tun, dann gilt es noch flickr-, Wikipedia-, BitTorrent- und dergleichen mehr Konten zu verwalten. Ganz zu schweigen von diversen Foren.

All das ist schlicht unmerkbar. Also muss Otto Netznormalnutzer sich – allen Sicherheitshinweisen zum Trotz – entweder alle Passwörter notieren oder einfach überall die gleiche Kombination aus Benutzername und Passwort benutzen. Natürlich gibt es auch für diese Notlage schlaue Computerprogramme, die alle Benutzernamen und Passwörter sammeln und erst nach Eingabe eines Master-Passworts wieder freigeben. Dazu muss man aber immer einen funktionierenden Computer mit sich führen und darf um Himmelswillen nicht das Masterpasswort vergessen.
Genau das ist letzte Woche einer Bekannten passiert. Sie war tagelang damit beschäftigt, ihre Freunde nach Passwörtern auszuhorchen, die sie ihr zutrauen würden, überall neue Konten einzurichten und unflätige Hassmails an die Softwarefirma zu richten.

Bestimmt haben ganz viele Menschen ähnliche Probleme. Da möchte man doch gerne Mäuschen sein und dem bundesdeutschen Durchschnittsuser mal auf die flinken Tastaturfinger schauen: Welche raffinierten Passwörter werden da wohl ausgedacht?

Wie es der Zufall so will, wurde just letzten Samstag eine Liste mit Zugangsdaten von 100.000 „Flirtlife„-Usern bekannt. Und natürlich prompt genauestens untersucht. Das Ergebnis: Von 100.000 Usern wählten rund 2.500 ein Passwort, das mit 1234 anfängt (und in großartigem Variantenreichtum mal mit 5, 56, 5678 oder 56789 endet, seltsamerweise wesentlich seltener die 567). 215-mal war ein „daniel“ der Passwortgeber und 177-mal eine „nadine“.

Unschlagbarer Spitzenreiter bei den nicht-numerischen Passwörtern aber war mit 404 Nennungen „ficken“. Da schien die Not anderswo zu liegen.

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2 Gedanken zu „Passwortnot

  1. Ein Masterplan scheint da nicht zu existieren. Wäre aber dringend notwendig. Denn auch ich rotiere mit den E-bay-Konten, natürlich amazon, der Arbeit (da habe ich jetzt das englische Äquivalent von „Schließmuskel“ genommen, weil ich mir das so gut merken kann), und jetzt kommts: Den Zugangsdaten für ungefähr 20 Filmverleiher und deren Online-Datenbanken für Bilder etc. Es ist die Hölle.

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