Post, moderne

1995 wurde die Deutsche Bundespost privatisiert, was dem jahrhundertealten Typus des mürrischen und peniblen Postbeamten im grauen Anzug den Garaus machte. Heute ist die Deutsche Post AG ein modernes Unternehmen mit einem Umsatz von über 40 Milliarden Euro. Die weltweit rund 500.000 Beschäftigten werden auf der Webseite des Unternehmens durch eine kleine Gruppe sympathischer Menschen repräsentiert und wie folgt vorgestellt: „Ihre Motivation, ihre Sachkenntnis und ihre Leidenschaft sind die Grundlage für das Wachstum und den Geschäftserfolg der Unternehmen von Deutsche Post World Net.“ Kurz: „Smart people in a dynamic company„.

MitarbeiterInnen der Deutschen Post

Nicht im Bild oder möglicherweise direkt hinter der etwas fülligeren Dame im Vordergrund steht unser Briefträger. Dessen Motivation ist ebenso unbekannt wie seine Sachkenntnis. Hingegen pflegt er eine Leidenschaft: Er ist Psychopath. Laut Pschyrembel ist Psychopathie eine Persönlichkeitsstörung, bei der die Anpassungsschwierigkeit an die Umwelt im Vordergrund steht, wodurch der Betroffene oder die Gesellschaft leidet. Oder ich.

Unser Vormieter war die Universität. Oder vielmehr ein Institut, das irgendwie mit der Universität verkuddelt war. Das aber 1999 aus Geldmangel aufgelöst wurde. Als wir die Räumlichkeiten zum ersten Mal besichtigten, hauste hier ein Professor mitsamt drei Sekretärinnen. In den Souterrainräumen, die vollständig mit Zeitschriften und Büchern vollgestopft waren, trieb sich eine bärtige, undurchsichtige Gestalt mit spanischem Namen herum. Dieses Institut hatte Kontakt zu vielen Universitäten, Institutionen und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt, vornehmlich in Entwicklungsländern. Es tauschte sich fleißig mit diesen aus und erhielt regelmäßig Bücher und Zeitschriften.

Nachdem wir eingezogen waren, wunderte es uns daher nicht, dass noch eine Zeitlang Post – versehen mit bunten Briefmarken aus aller Herren Länder – hier eintrudelte, die wir dann umgehend mit einem entsprechenden Vermerk zurückschickten. Wir wunderten uns allerdings schon, als diese Zusendungen partout nicht aufhören wollten. Ich erkundigte mich auf der Post, was wir denn tun sollten. Der freundliche Schalterbeamte erklärte, das sei ganz einfach: Wir sollten die Adresse durchstreichen, „Empfänger unbekannt“ draufschreiben und die Post wieder in den Briefkasten werfen. Den Rest würden dann sie übernehmen. Diese Ausführungen waren etwas irritierend, weil wir ja genau das getan hatten. Trotzdem kamen weiter Bücher und Zeitschriften.

Dann geschahen andere merkwürdige Dinge. Zunächst erhielten wir Post, die an ein weiteres Universitätsinstitut gerichtet war. Wir fanden heraus, dass dieses Institut noch vor unserem Vorgänger im Haus residiert hatte. Dann waren Schriftstücke in unserem Briefkasten, die für verschiedene Nachbarn in unserer Straße bestimmt waren. Dann wieder ein Herrenbekleidungskatalog für den Mann unserer Vermieterin, der aber bereits vor acht Jahren verstorben war. Briefe für eine Firma in einem anderen Stadtteil, mit der uns nicht einmal eine Namensähnlichkeit verband. Und immer wieder Bücher und Zeitschriften.

Schließlich hatte ich genug und klebte auf beide Briefkästen einen Hinweis, dass das Institut seit Jahren aufgelöst sei und wir keine derartige Post wünschten. Ohne Erfolg. Nun lag es ja nahe, den Postboten abzupassen und ihm seine Tasche um die Ohren zu hauen. Aber merkwürdigerweise bekamen wir nie jemanden zu Gesicht. Als ob die Post auf telepathischem Weg in unseren Kasten gelangte. Einmal sah ich ein gelbes Auto mit quietschenden Reifen davonsausen. Aber sonst: Fehlanzeige. Kein Postbote. Nur weitere Bücher und Zeitschriften.

Der Postbote – oder ließ die Hartnäckigkeit des Vorgehens nicht sogar eher auf eine Frau schließen? – musste ein ernsthaftes psychisches Problem haben. Oder nicht lesen können. Oder einen heimlichen Hass auf Werbeagenturen pflegen. In jedem Fall aber mit einer möglicherweise korrigierbaren Uneinsichtigkeit ausgestattet sein, die nun meine pädagogische Ader weckte. Es galt einen Weg zu finden, den Verstockten wieder zur Vernunft und ihm die Sinnlosigkeit seines Handelns nahe zu bringen. Und so verfiel ich auf eine Methode, die meiner Meinung nach baldigen Erfolg bringen musste.
Ich versah die Fehlpost nicht mehr mit Rücksendeanmerkungen, sondern warf sie einfach wieder in den Briefkasten. Das kostete uns keinen Pfennig und dem Postboten musste nach kurzer Zeit auffallen, dass er dieselben Schriftstücke nun mehrfach die Treppen hochgeschleppt hatte. Weit gefehlt. Etliche Zeitschriften kamen bis zu siebenmal bei uns an, so dass sich neue Nummern oft mit alten Ausgaben überschnitten. Nur gelegentlich ebbte der Zustrom wieder ab, vermutlich war dann eine Aushilfe zugange. Aber solche Erfolge währten nur kurz, bevor dann erneut die Lieferung von Büchern und Zeitschriften aufgenommen wurde.

Mittlerweile sind wir nicht mehr Herr der Lage. Unsere beiden Briefkästen sind jeden Tag bis ins hinterste Eckchen vollgestopft. Dabei muss der Austräger ein hohes Maß an körperlicher Gewalt ausüben, denn letzten Dienstag konnten wir nur unter Zuhilfenahme einer Flex an unsere Post gelangen. Seitdem lagert die Post in der Biomülltonne. Ich habe eine Sackkarre erstanden, um die überzählige Post teils in der Straße auszutragen, teils in öffentlichen Briefkästen zu verteilen. Das blitzartige Auftauchen und Wiederverschwinden des Postboten bleibt nach wie vor ungeklärt, wenngleich wir einen Verdacht haben. Sicher ist nur eins: das Eintreffen alter und neuer Bücher und Zeitschriften. Heute kam was aus Porto Allegre. Brasilien.

5 Gedanken zu „Post, moderne

  1. Eine traumatisierende Geschichte. Da hilft nur Verleumdung bzw. Anzeige beim zuständigen Arbeitgeber, sprich Postoberaufsichtsmeister, oder aber: Jetzt bei der kommenden kalten Jahreszeit: Wenn alle Mitarbeiter eingetrudelt sind: Mittels Schlauch und Wasserhahn eine flotte kleine Eisbahn vor dem Haus hingezaubert und auf das Knacken der Knochen und das folgende hilflose Schreien warten. Dann die Berge von geschredderten Büchern und Zeitschriften über den Menschen auskippen. Soll er/sie sich doch
    a. Krücken aus Pappmache basteln
    b. den Zellstoff essen und warten bis die Knochen wieder zusammenwachsen
    c. das Material als Dämmmittel gegen die bittere Kälte benutzen

  2. Köstlicher Beitrag :-) Wie wäre es mit einer Sammlung? Einfach mal einen Monat sammel und der Post die Post auf den nächsten Schalter kippen. Je nach Menge interessiert sich vielleicht auch die örtlich Presse dafür.

  3. Auch eine hübsche Idee (warum bin ich denn darauf noch nicht gekommen?) – wird gemacht. Seit gestern habe ich schon vier Stück beieinander: Einen Brief für unsere frühere Vermieterin, die aber ihren Anteil vor einem Jahr verkauft hat, einen Brief für ihren Mann, der schon seit mehreren Jahren tot ist, einen für einen PR-Journalisten, der vor vier Jahren ausgezogen ist und eine Zeitschrift aus Brasilien. Mal sehen, was bis zum 30. noch dazukommt. Ich miete mir einen Siebeneinhalbtonner.

  4. Zugegeben, so viel Fleiß spricht für ein ehemaliges Staatsunternehmen und ich beneide Euch um Euren Zusteller.

    Vielen Dank jedenfalls für den lustigen Link in meinem Blog!

  5. Pingback: Dia-Blog » Blog Archive » Offener Brief

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