Storytelling

Schreiend lagen wir gestern bei uns auf der Couch, während ich diesen großartigen Werbebrief verlas, der mich am gleichen Tag erreicht hatte. Ein Protokoll:

Sehr geehrter Herr B.,

herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen. Bei unserer großen Sonderverlosung am 12.01.2010 wurden insgesamt 12.000 Euro in Bar verlost.
Der 1. Preis von 4500 Euro, der 3. Preis von 2500 Euro und der 4. Preis von 1500 Euro wurden bereits in Bar ausgezahlt. Und Sie Herr B. haben den 2. Preis gewonnen und somit sind 3500 Euro zur Auszahlung fällig. Sie Herr B. haben unverständlicherweise auf unser erstes Gewinnschreiben nicht reagiert, was uns sehr komisch vorkommt.

Wir kichern.

Es geht schließlich um 3500 Euro. Daraufhin beauftragten wir unseren Außendienstmitarbeiter Herr Leihen Sie persönlich zu besuchen, um Sie Herr B. mit ihrem 2. Preis zu überraschen.

Wir gackern verhalten.

Leider wurde Herr Leihen auf dem Weg zu Ihnen in einen Verkehrsunfall verwickelt und konnte Sie nicht an diesem Tag besuchen.

Wir kreischen.

Herr Leihen wollte Ihnen den Besuch noch rechtzeitig absagen, bedauerlicher Weise konnte er Sie Herr B. telefonisch nicht erreichen, das ist Schade!

Wir stutzen: Wenn Herr Leihen mich überraschen wollte, wieso sollte er dann einen nicht ausgemachten Termin absagen?

Denn sonst könnten Sie bereits heute über ihren 2. Preis verfügen und sich einen langgehegten Wunsch erfüllen. Lieber Herr B. noch ist nicht verloren, was müssen Sie jetzt machen?

Wir sind sehr gespannt.

Schicken Sie uns noch heute schnellstmöglich die Antwortkarte zurück, die Auszahlung des 2. Preises in Bar erfolgt garantiert auf unserer Ausflugsfahrt am 17. 05. 2010. Es erfolgt keine Verrechnung, kein Reisegutschein oder Ähnliches. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Fahrpreis, Buchungsgebühr, Frühstück, Mittagessen 0,00 Euro, für Sie und Ihre Gäste alles kostenlos.

Mit freundlichen Grüßen nach B.
Heinz Müller
Geschäftsführer vom Seniorenclub

Wir studieren das Blatt genauer, finden noch weitere unglaubliche Ausführungen wie „Für Herr B. und 3 weitere Gäste. Kiloweise Auswahl feinster und edelster Lebensmittel insgesamt 8 Pfund und ein spezielles Geschenkpaket, alles gratis.“ darauf und sogar dies: „Zusätzlich für jede Dame und Herrn ein Handy mit Notruffunktion. Paare/Ehepaare erhalten einen LCD-TV Flachbildfernseher.“

Enthusiasmiert kreuze ich flugs an, dass mich der Bus am 17. Mai um 7.05 Uhr an der Ecke Prenzlauer-Allee/Christburger Str. abholen möge, fälsche mein Alter und sage, dass ich 86 bin und freue mich bereits jetzt über mein „reichhaltiges kostenloses Frühstück“, mein „schmackhaftes reichhaltiges kostenloses Mittagessen“, meine 8 Pfund Lebensmittel, das Handy, den LCD-TV, eine tolle Ausflugsfahrt, die Fischverköstigung, die Stadtbesichtigung, die Stadtrundfahrt – wohin, wird nicht so genau gesagt, ist aber auch egal, denn auf der Rückseite sind ansprechende Bilder von Luxemburg, Paris, Prag, Wien, Hamburg, Amsterdam, Zürich, Warschau und Schloss Neuschwanstein. So schlimm kann es also gar nicht werden. Und habe ich da nicht noch was vergessen? Ach ja, 3500 Euro!

Die Welt ist doch nicht so schlecht, wie immer alle sagen.

8 Gedanken zu „Storytelling

  1. „Bringen Sie Freunde und Bekannte mit, Sie und Ihre Gäste zahlen keinen einzigen Cent dazu, alles gratis.“ Ich denke, das spricht für sich!

  2. Ich werde den Busfahrer vor vorgehaltenem Schokoladenhasen dazu zwingen einen kurzen Abstecher nach Süddeutschland zu machen – wie mir scheint, wissen die eh nicht genau, wo es hingehen soll.

  3. Nach Luxemburg, werte Herren, will ich nicht. In Paris, Prag, Wien, Hamburg, Amsterdam, Zürich, Warschau und auf Schloss Neuschwanstein wäre ich gern dabei und könnte als kleines Dankeschön ein paar fast fabrikneue Rollatoren organisieren.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  4. Luxemburg ist schöner als man gemeinhin denkt. Die haben zum Beispiel ein Radio dort. Und Jean-Claude Juncker. Ok, das war jetzt ein schlechtes Argument.

  5. Ich will auch mit! Unser sorgsam angelegter Vorrat an Heizdecken, Magnetmatratzen und als Potenzvitamine deklarierte Smarties geht langsam zur Neige. Mir ist es auch Wurst, wo wir hinfahren. Hauptsache Paris.

  6. Ich hab da schonmal mitgemacht. Ich war dann auch im „Einkaufsparadies Luxemburg“. Das sah dann so aus: Nach der endlosen Verkaufsveranstaltung ging es tatsächlich nach Luxemburg. Und zwar wurde am ersten Supermarkt hinter der Grenze angehalten. Jeder hatte 30 Minuten, um irgendwas einzukaufen (es gab nix besonderes, war ja nur ein Supermarkt). Und dann ging es auch schon wieder heim.

    Übrigens steht in dem Brief nirgends, dass die 3500 Euro auch dem 2. Preis zugeordnet seien. Ich krieg solche Schreiben ständig und die Mechanisme sind immer die gleichen.

    U.

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