Walter und ich

Walter Jens habe ich nur einmal besucht. Damals, Anfang der Nuller Jahre, als Reporter für den Südwestrundfunk in Tübingen sollte eine vom Meister selbst gelesene Seite einer neuen Buchveröffentlichung akustisch eingefangen werden. Statt eines Übertragungswagens schickte man mich. Die Terminfindung war schwierig, weil Jens dauernd unterwegs. Mit einem klobigen DAT-Recorder im Rucksack quälte ich mich den Berg hoch, wo Jens in schönster Hanglage weniger wohnte denn residierte. Die zauberhafte Inge Jens hieß mich herzlich willkommen, im Obergeschoss empfing mich Walter Jens. Nach einer sehr freundlichen Fragerunde (Was machen Sie so? Ah ja, sehr interessant) wurde von Jens der Aufnahmezeitpunkt bestimmt. Hektisch kramte ich den DAT-Recorder heraus, stöpselte ihn zusammen und pegelte die Aufnahme aus. Walter Jens begann nach meinem OK zu lesen, doch nach wenigen Sekunden dämmerte mir: Da ist was falsch, der Recorder recordete nicht, Jens las weiter (fehlerlos natürlich), ich schwitzte und unterbrach ihn ungerne nach 30 Sekunden mit devotem Geräusper und einem:
„Ehm, Herr Jens, ich glaube wir haben ein Problem.“
Jens: „Das schätze ich gar nicht, Herr Brenner.“
Ich: „Wir müssen noch einmal anfangen, denke ich.“
Die Stimmung im Raum verschlechterte sich rapide. Mein folgendes:
„So, jetzt können wir!“ konterte er mit einem scharfen:

„Sind Sie sich sicher, Herr Brenner?“

und dem stechenden Blick eines Mannes, der keine 30 Sekunden seines Lebens zu verschwenden hatte.
Ich war mir sicher. Die Aufnahme klappte. Jens las (natürlich fehlerfrei) seinen Text runter und komplimentierte mich nicht unfreundlich aber doch sehr bestimmt aus seinen Hallen hinaus. Die Fahrradfahrt den Berg hinab trocknete meinen üppig fließenden Schweiß.

Den Tonfetzen „Sind Sie sich sicher, Herr Brenner?“ installierte ich daraufhin bei meinem PC als Start-up-Sound, so dass die Stimme von Walter Jens fortan beim Hochfahren des Geräts nicht nur mein Tun, sondern fast das halbe Leben hinterfragte.
Es hat mir, glaube ich, nicht geschadet.

4 Gedanken zu „Walter und ich

  1. Gut dass diese Geschichte mal wieder erzählt wird. Schließlich ist sie der Mini-Mythos einer Brechtbaugeneration, die für Walters Wirken zu jung war und ihn nur vom Hörensagen kennt. Umso wichtiger, dass seine Spuren auf Bändern gesichert werden. Für mich neu bei der Neuerzählung: dass Inge tatsächlich bezaubernd war an jenem Sommerabend der frühen Nullerjahre auf dem Sand, als diese wichtige Aufnahme gemacht wurde.

  2. Pingback: Gsallbahdr Zwei

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