Was Großvater noch wusste

Ich war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, da ging mir eine Frage durch den Kopf, die mir so wichtig war, dass ich sie nur einem allwissenden und vertrauenswürdigen Vorbild stellen mochte: Meinem Großvater. Die Frage war berechtigt und lautete: „Wie fängt man eigentlich Vögel?“

Mein Großvater hatte – wie so oft – eine genial einfache Antwort parat: „Man streut dem Vogel zuerst Salz auf den Schwanz. Dann ist er zutraulich und lässt sich ganz einfach in die Hand nehmen.“ Meine Verblüffung war groß, denn so simpel hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Cyanistes caeruleus

Ein paar Tage später entwendete ich in einem unbeobachteten Moment den Salzstreuer und zog in den naheliegenden Klosterpark, wo es (wie ich aus früheren Beobachtungen wusste) viele verschiedene Vögel gab, deren einer ich mich zu bemächtigen in den Sinn gesetzt hatte. Ich verfiel auf eine Blaumeise und näherte mich ihr, den Salzsteuer vorangestreckt. Die Schwierigkeit war nun, dass ich ja eigentlich von hinten kommen musste, wo der Schwanz sich befand. Das Tier aber drehte sich immer so, dass es mich sehen konnte. Und flog schließlich, als ich zu nahe kam, weg. Ähnliche Erfahrungen machte ich mit mehreren Spatzen, Kohlmeisen und anderen, nicht näher identifizierbaren Flugtieren. Selbst die Auswahl einer Amsel, mithin eines größeren Objektes, führte, der größeren Schwanzfläche zum Trotz, nicht zum gewünschten Erfolg.

Nach kurzem Grübeln über die entstandene Situation hatte ich den Knackpunkt des großväterlichen Tipps entdeckt, denn die verborgene Wahrheit lag natürlich in der falsch verstandenen Bedeutung des Wortes „dann“. Während mein listiger Großvater dieses umgekehrt konditional verwendet hatte, war ich, des antizipierten Erfolges wegen, von einer zeitlichen Bedeutung ausgegangen. Meine Enttäuschung aber hielt sich in Grenzen. Während meine Karriere als Vogelfänger jäh beendet wurde, hatte ich etwas Wertvolleres entdeckt: Die unglaubliche Vielfalt der Sprache. Und ihren Nutzen.

4 Gedanken zu „Was Großvater noch wusste

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  2. habe auch so einen großvater, der das „enkel verarschen“ euphemistisch als „lehrstück“ bezeichnete. er hat an ostern behauptet, für mich eier versteckt zu haben, hatte es aber doch nicht getan. als ich mich nach drei tagen suche heulend beschwerte, meinte er, er wollt mich doch nur dazu bringen, mich intensiv mit der natur auseinander zu setzen.

  3. Pingback: Dia-Blog » Blog Archive » Googlehupf 2007.01-03

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