Kid-Cuts (11)

Unerleuchtet durchs Dunkel stapfen„Rituale, Rituale, Rituale“ hämmern alle Gebrauchsanweisungen für Neugeborene den chronisch übermüdeten Jungeltern immer wieder ein. Man kann also nicht früh genug anfangen damit, auch im Jahreszirkel gewisse Feierlichkeiten einzupflocken. Warum dann mit der zehn Monate alten Brut nicht auch zum Laternenumzug gehen?

Dass es da im Berliner „Szenebezirk“ Prenzlauer Berg natürlich nicht wie in Bad Honnef zugeht, war schon im Vorfeld klar. Aber dass es dann so schlimm würde, hätten wir nicht geahnt. Gut, dachten wir, wird da halt ein Laternenumzug mit einem kleinen Protest gegen die geplante Zweckentfremdung des Teiles eines alten Friedhofs zu Bauland verbunden, das über- und verstehen wir. Nicht geahnt haben wir indes, dass der komplette Umzug in Friedhofsmauern, mit eisigem Schweigen und unter trüb-diesigem Dahinstapfen durch Pfützen und Laubberge vonstatten gehen würde. Irgendwo zwischen den verwitterten und umgetretenen Grabsteinen stand ein einsamer Trompeter, der mal „Laterne, Laterne“ trötete, mal „Ich hatte einen Kameraden“ und dann wieder die „Marseillaise“. Gottseidank schlief das Kind da schon. Diese kleinen Würmer haben ja einen extra Sinn dafür, sich vor Grausamkeiten abzuschotten. So trotteten wir schniefend in einer Hundertschaft hinter einer Leit-Laterne von der Größe eines mittleren Weinfasses her – und das weitgehend unerleuchtet. Denn vor lauter Political Correctness werden statt echter Kerzen dieser Tage elektrische Beleuchtungsstäbe verwendet, die bei den meisten (wieder der Witterung geschuldet) einfach nicht funzten. Da wurde an den Kontakten gedreht, an den Fassungen herumgeschraubt, die Kinder greinten, weil natürlich weit und breit nichts leuchtete und die Eltern sich – wieder aus den Friedhofsmauern herausgetreten – im nahegelegenen Café entnervt ihren Latte bestellten. Es war wunderbar. Morgen gehen wir nach Friedrichshain zum nächsten Umzug.  

3 Gedanken zu „Kid-Cuts (11)

  1. Und ich sach noch: Kinder müssen in der Browinz aufwachsen! Da werden noch echte Rübengeister geschnitzt und keine Halloween-Fanartikel aus dem Aldi vor die Tür gestellt. Da kommen St. Martin und der Pelzmärtel noch persönlich vorbei, um ihre Mäntel zu zerreißen und Ruten auszupacken. Und ein Laternenumzug ist noch ein Laternenumzug mit echten Kerzen und „Gehe aus mein Licht“-Gesängen.
    So war es jedenfalls in den sechziger Jahren. Kann sich ja nicht grundlegend geändert haben, oder?

  2. Aber in Zeiten, in denen alle über einen Mangel an Zeit klagen, ist es eine zukunftsträchtige Idee, mit einem Aufmarsch gleich mehrere Fliegen zu schlagen. Anti-Bush-Demo und Laternenumzug zusammengelegt zum Beispiel spart Zeit und Nerven. Und anmelden muss man einen Laternenumzug auch nicht. Wenn die Bullen sich dann über brennende USA-Flaggen aufregen, einfach sagen, so sehen sie eben heute aus, die Laternen.

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