Unentschlossen?

Ich mach’s jetzt mal wie der Christian drüben bei Silberpixel und spreche dich an, der/die du noch nicht briefgewählt hast und noch nicht weißt, bei welcher Partei du dein Kreuzchen setzen sollst. Die Wahrscheinlichkeit, dass das auf jemanden in der Blase hier zutrifft, ist zwar gering, aber wenn es hilft, dann ist es der Versuch wert.

Ich bin gestern mit meiner Mutter (90) und meiner Kleinen (5) links und rechts an der Hand spaziergegangen. Und dann habe ich mal kurz nachgerechnet. Wenn die Kleine so alt ist wie meine Mutter heute, dann schreiben wir das Jahr 2105. Ich kann und will mir nicht recht vorstellen, wie dann die Welt aussieht. Aber ungefähr, was ihre Enkel in Schulaufsätzen schreiben werden: „Noch in den 2020er Jahren wurden wertvolle fossile Rohstoffe einfach verbrannt, um deren Energie für Wärme, Strom und Mobilität zu nutzen – wohl wissend, dass dies gleichzeitig die Atmosphäre weiter anheizen würde. Die heute gesetzlich festgeschriebenen Nachhaltigkeitsstandards wurden damals zwar diskutiert, aber mit dem Argument, dies bedrohe die ‚Freiheit der Bürger‘ (sic!), von einer Mehrheit abgelehnt.“

Wenn du über 50 Jahre alt bist: Du bist mit deiner Altersgruppe in der Mehrheit, entscheidest aber nicht nur über deine wesentlich kürzere Zukunft, sondern auch die der Jüngeren und die der noch gar nicht Wahlberechtigten. Das ist eine Verantwortung, die es notwendig macht, aus Enkelsicht zu denken. Parteien, die glauben, man müsse wie bisher auf „den Markt“ und „die Wirtschaft“ setzen und dabei „die Wissenschaft“ völlig ignorieren, sind aus meiner Sicht nicht wählbar.

Wenn du eine Frau bist: Auch ihr seid in der Mehrheit. Lasst euch nicht erzählen, einer der beiden „erfahrenen“ Männer sei besser als eine junge Frau. Schaut euch den Film „Die Unbeugsamen“ an („Politik ist eine viel zu ernste Sache, um sie allein den Männern zu überlassen“) und schaut nach Finnland oder Island.

Und dann: wählt.

Verhältnisse (28)

Seit dem 18. September 2001 haben die Vereinigten Staaten 2.260 Milliarden Dollar für den Afghanistan-Krieg ausgegeben, 300 Millionen Dollar jeden Tag.*

In der Dekade von 2010-2019 erhielt Afghanistan aus verschiedenen Quellen knapp 50 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe.**

Das sind 4,4% des Betrags, den die USA für den Krieg ausgaben. In bunt:

Grafik: Gegenüberstellung der Kosten für Entwicklungshilfe und für Krieg

Quellen:
* Bruchstücke
** Wikipedia

Ritterschlag

Einzelne Personen aus unserem Haushalt waren gestern da, wo alles quadratisch ist und praktisch und – gut, am Schluss kommt man an einem Laden vorbei und vergisst alle guten Vorsätze und vier Kilo kosten ja so gut wie nix und da sagt keine Schwäbin „Noi“. Um den Kreis zum Titel zu schlagen: Ich vermute mal, äße jemand dieses Mosaik am Stück, träfe ihn glatt der Ritterschlag.

Viele Tafeln Ritter-Schokolade

Bibi und Tina

Das Grauen auf langen Autostrecken hat einen immer wiederkehrenden Höhepunkt: Den Refrain der Titelmelodie von „Bibi und Tina“.

Das sind Bibi und Tina
auf Amadeus und Sabrina
sie jagen im Wind,
sie reiten geschwind,
weil sie Freunde sind,
weil sie Freunde sind.

Dieses Poem jagt mir als Germanisten abwechselnd heiße und kalte Schauer über den Rücken. Also Textanalyse. „Sie jagen im Wind.“ Wen oder was? Wozu? Egal, Reiten macht eben Spaß. „Sie reiten geschwind.“ Wohin? Und warum so eilig? Ebenfalls wurscht. Entscheidend ist Galopp.
Das alles verstehe ich. Wirklich. Bin selber mal geritten. Und vier Wochen lang war mein Leben sogar ein Ponyhof. Aber diese Logik hat kein Pferd verdient: Bibi und Tina jagen im Wind und reiten geschwind – weil sie Freunde sind? Ein Logikstrang wie „Bibi kotzt Meerschweinchen obwohl Tina“.

Was kann man dagegen tun? Olli Schulz macht’s vor (bei 1:14 genau gucken):

Ach ja, das „Hausboot“ könnt ihr gucken oder nicht. Ich fand’s lustig. (Zum Beispiel die unterdimensionierten Arbeitsgeräte bei 0:14.)
Aber Ponyhof war besser.

10 Cent

Heute war ich auf der Bank. Meine Frau brauchte aus Gründen einhundert australische Dollars. Weil man so exotisches Geld nicht einfach bei der Filiale um die Ecke abholen kann, bestellte sie es bei der Kreissparkasse. Heute kam es dort an und ich wurde telefonisch angewiesen, es bei der Filialdirektion unserer Kreisstadt abholen. Dazu musste ich meinen Ausweis mitnehmen sowie eine von meiner Frau unterschriebene Vollmacht. Ich hätte ja auch ein Betrüger sein können, der auf die Kreissparkasse geht und dorthin bestellte Dollars abholt. Oder ein Bankräuber, der sich auf australisches Geld spezialisiert hat. Nein, zweiteres eher nicht. Es gibt ja keine Kassenschalter mehr, nur Servicepoints. Muss man auf den Service warten, wird Bankraub zum Zeitraub.

Aber zurück zu meinem anvisierten Devisengeschäft. Welcher der drei als offen deklarierten Tresen hatte nun die Dollars? Weil meine Frau versprochen hatte, es handele sich um eine junge, hübsche Dame, die mir das Geld geben werde (was gelogen war, aber – wie erhofft – meine Bereitschaft zu dem Stadtgang signifikant erhöhte), steuerte ich einen von zwei jungen Damen besetzten Servicepoint an. Mein Anliegen wurde angehört, dann schnappte sich eine der Damen meinen Ausweis und verschwand damit hinter einer panzerglasig anmutenden Sicherheitstür. Die Szene erinnerte mich an einen Vorfall auf dem Flughafen von Dhaka, als ein Sicherheitsoffizier, den wir in der von Hadschpilgern übervölkerten Flughafenhalle nach unserem Anschlussflug gefragt hatten, sich unserer Pässe bemächtigte und sagte, er würde sich darum kümmern. Was, wenn die Dame (bzw. der Offizier) nun nicht mehr zurückkäme? Was, wenn ein Banküberfall stattfände (bzw. wir aus Versehen nach Mekka flögen)? Man könnte sich nicht ausweisen und würde dann möglicherweise ausgewiesen. Aber wohin? Ich begann zu schwitzen. Aber all diese existenziellen Fragen zerstoben ins Nichts in dem Moment, als mein Blick auf den Boden fiel. Ebenfalls auf den Boden gefallen lag dort ein 10-Cent-Stück.

10-Cent-Stück, Vorderseite

Das Sprichwort „Das Geld liegt auf der Bank“ streifte eine meiner Hirnregionen. Ich blickte mich um. Ist es statthaft, Geld aufzuheben, das in der Bank auf dem Boden liegt? Auf dem Boden liegendes Geld hebe ich grundsätzlich auf, denn auch das Sprichwort „Wer den Pfennig nicht ehrt …“ ist mir geläufig. War ein Besitzer in der Nähe? Eine Besitzerin? Niemand schien Anspruch erheben zu wollen. Zwei im Wartebereich sitzende Männer streichelten ihre Händis. Ich hob das goldfunkelnde Geldstück auf. Da kam die Dollar-Dame zurück, einen dicken Umschlag in der Hand. Ob ich noch etwas dabei habe? Ihr Blick hing misstrauisch an der 10-Cent-Münze. Mein Blick hing misstrauisch an ihrem Umschlag. Hatten wir zu viele Nullen angegeben? War unser Konto jetzt leergeräumt?

Ich versicherte ihr, ich hätte tatsächlich und übergab ihr die auf einem kleinen Zettel handschriftlich vermerkte Vollmacht. Sie schien mit dieser Form nicht so recht einverstanden. Ich könnte ja ein Vollmachtbetrüger sein und mir das Dokument selbst vorschreiben können, las ich in ihren nach unten sich biegenden Mundwinkeln. Da eilte ein weiterer Mitarbeiter aus einer gänzlich neuen Richtung heran. Es habe alles seine Richtigkeit, sprang er mir deus-ex-machina-gleich bei, er habe mit meiner Frau diese Form vereinbart und alles sei bestens. Im Gegensatz zur misstrauischen Bankerin schien er an mir keinerlei Trickbetrügerhabitusanzeichen zu entdecken. Die hingegen vermerkte spitz, jetzt müsse aber noch jemand den Antrag unterschreiben und wies auf eines jener Schriftstücke, die – wir mir erst jetzt klar wurde – den Umschlag füllten, in dem ich Dollarnoten glaubte. Und dafür häbe ich („häbe“ ist kein Schreibfehler, sondern einer von mehreren anwendbaren schwäbischen Konjunktiven) ja wohl keine Vollmacht. Dies betrübte meinen Sparkassenfreund nur kurz, dann erhellten sich seine Gesichtszüge. Er könne dies telefonisch mit meiner Frau klären, ich sei dafür nicht mehr vonnöten. Zähneknirschend zählt mir meine Feindin zwei brandneue 50-Dollar-Noten mit dem Konterfei David Unaipons, Australiens Leonardos, wie man weiß, auf den Sparkassenservicepointtresen.

Jetzt müssten wir nur noch klären, konterte ich, proaktiv den nächsten Angriff antizipierend, was wir mit den 10 Cent machen sollten, die ich auf dem Bankboden vorgefunden häbe (in diesem Fall schwäbisches Präteritum). Auch zu diesem Thema hatte die Kreissparkassenangestellte eine dezidierte Meinung. Das fragliche Geldstück, so mein Gegenpart, könnte einer Bankkundin gehören, der heute ein Missgeschick passiert sei. Zwar behielt sie weitere Details für sich, nichtsdestotrotz bot ich sofort an, das Corpus Delicti zur Verfügung zu stellen und legte es tresennah ab. So könnten sie den Betrag nicht verbuchen, entgegnete meine Widersacherin und schob es wieder in meine Richtung zurück.

Da kam eine andere Kundin zu Hilfe, ein kleines Mädchen hinter sich herziehend. Wo ihr Kind ein kleines Geschäft verrichten könne? Ein kleines Geschäft könne ich gerne anbieten, erwiderte ich stellvertretend für die ganze Versammlung, drückte dem Mädchen den Groschen in die Hand und empfahl mich.

Widerstand ist Pflicht

Vor gut drei Wochen, am 31. Januar, jährte sich der Mössinger Generalstreik zum 88. Mal. Damals gingen Hunderte in dem schwäbischen Dorf Mössingen gegen Hitler auf die Straße – als erste und als einzige in Deutschland. Zum 80. Jubiläum der fast vergessenen Geschichte brachte das Melchinger Theater Lindenhof das Stück „Ein Dorf im Widerstand“ auf die Bühne der Stadt Mössingen. Begleitet wurde das Mammutprojekt mit über hundert Laiendarsteller:innen und Musiker:innen von der Filmemacherin Katharina Thoms. Ihr Dokumentarfilm „Widerstand ist Pflicht“ erschien 2015. Jetzt wurde der Film freigeschaltet. Hier der Trailer:

Den Film selbst gibt es auf Vimeo zu sehen.

Alltagsrassismus

Man konnte in den letzten Tagen viel über die bös missglückte WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ lesen und hören. In dieser Talkshow diskutierten vier weiße Promis unter anderem über Rassismus. Allein dieser Satz sagt eigentlich schon alles. Vier Männer diskutieren über Sexismus. Vier Banker diskutieren über Hartz 4. Vier Nonnen diskutieren über Autotuning.

Zum Glück muss niemand diese Talkshow sehen. Michel Abdollahi hat sie für uns zusammengefasst. Und erklärt uns auf unglaublich sachliche Art, wie Alltagsrassismus funktioniert. Warum es nicht darum geht, „dass man es ja nicht so meint“ oder „dass man nichts mehr sagen darf“. Sondern darum, wie sich rassistische Strukturen in der Sprache manifestieren. Und warum sich das ändern muss. 13 lohnende Minuten.

Urzeit auswählen

Seit geraumer Zeit nervt Windows 10 nun wieder mit seinem neuesten „Funktionsupdate“. Natürlich werde ich es früher oder später installieren müssen. Dann möchte ich das aber zu einer Zeit tun, in der ich nicht produktiv sein muss, denn kein Mensch weiß, wie lange das Ding braucht und welche Katastrophen danach wieder auszubügeln sind.

Der Hinweis heute morgen sah nun etwas anders aus als bisher. Offensichtlich hat Microsoft eine raffinierte Idee entwickelt, wie das vertrackte Zeitproblem zu lösen ist: Eine Zeitmaschine spult das Update einfach in der Vergangenheit ab. So hat man dafür locker so viel Zeit wie die Entstehung fossiler Brennstoffe benötigt. Das sollte reichen. Genial!

urzeit

Das Gift wirkt

Lieber Deutschlandfunk!

Ich schätze deine Nachrichten, deine Moderatoren, deine Sachlichkeit und überhaupt deine Existenz. Wegen dir zahle ich die Rundfunkgebühren gerne. Aber in den Sechsuhrnachrichten heute morgen fielen mir zwei Punkte auf, die mich spüren ließen: Das AfD-Gift wirkt jetzt auch schon bei dir.

Nummer eins: Die Meldung über die Tötung eines 14-Jährigen durch einen 15-Jährigen in Lünen endete mit dem Satz: „Der Tatverdächtige, der morgen dem Haftrichter vorgeführt werden soll, und das Opfer sind Deutsche.“ So gut die Nennung der Nationalitäten vielleicht gemeint sein soll – sie ist reines AfD-Sprech und steht im Gegensatz zum Pressekodex, wonach die Nationalität von Tätern oder Verdächtigen nur genannt werden soll, wenn ein begründetes öffentliches Interesse besteht. Im vorliegenden Fall wird aber geradezu suggeriert, dass es berichtenswert sei, dass es sich bei Täter und Opfer um Deutsche handelt. Tenor: Das hier ist die Ausnahme von der Regel. Und die Rechten reiben sich die Hände.

dlf24aufmacher

Nummer zwei (und gleichzeitig Aufmacher auf deiner Internetpräsenz dlf24.de): Ich kann mich nicht erinnern, jemals in den Nachrichten gehört zu haben, welche Partei welchen Vorsitz in den Fachausschüssen des Bundestags erhalten habe. Heute morgen aber zählst du alle Ausschüsse auf, in denen die AfD den Vorsitz übernehmen soll – und nur die. Mag sein, dass es von Interesse ist, welche Ausschüsse die unter Beobachtung stehende Partei dominieren wird. Vielleicht auch eine Meldung wert wäre, dass ein AfD-Abgeordneter, der nach Medienberichten Verschwörungstheorien verbreitet und fremdenfeindliche Ressentiments schürt, den Haushaltsausschuss übernimmt. Aber hat man jemals gemeldet, welcher Hinterbänkler den Tourismusausschuss besetzt? So erhalten die Rechtspopulisten das, was sie am liebsten mögen: Aufmerksamkeit für nichts.

Lieber Deutschlandfunk: Lass das bitte sein!