Widerstand ist Pflicht

Vor gut drei Wochen, am 31. Januar, jährte sich der Mössinger Generalstreik zum 88. Mal. Damals gingen Hunderte in dem schwäbischen Dorf Mössingen gegen Hitler auf die Straße – als erste und als einzige in Deutschland. Zum 80. Jubiläum der fast vergessenen Geschichte brachte das Melchinger Theater Lindenhof das Stück „Ein Dorf im Widerstand“ auf die Bühne der Stadt Mössingen. Begleitet wurde das Mammutprojekt mit über hundert Laiendarsteller:innen und Musiker:innen von der Filmemacherin Katharina Thoms. Ihr Dokumentarfilm „Widerstand ist Pflicht“ erschien 2015. Jetzt wurde der Film freigeschaltet. Hier der Trailer:

Den Film selbst gibt es auf Vimeo zu sehen.

Superb Owls

EulengrafikTampa Bay gewinnt mit 31:9, Tom Brady stellt weitere Rekorde auf und die Amis sind wieder mal aus dem Häuschen. Wem das alles nichts sagt oder wem die Superbowl am Allerwertesten vorbei fliegt, der mag sich an den großartigen Eulen freuen, die The Atlantic Jahr für Jahr als Alternativprogramm ausgräbt: Superb Owls.

Grafik: Wikimedia, gefunden bei Krautreporter

Alltagsrassismus

Man konnte in den letzten Tagen viel über die bös missglückte WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ lesen und hören. In dieser Talkshow diskutierten vier weiße Promis unter anderem über Rassismus. Allein dieser Satz sagt eigentlich schon alles. Vier Männer diskutieren über Sexismus. Vier Banker diskutieren über Hartz 4. Vier Nonnen diskutieren über Autotuning.

Zum Glück muss niemand diese Talkshow sehen. Michel Abdollahi hat sie für uns zusammengefasst. Und erklärt uns auf unglaublich sachliche Art, wie Alltagsrassismus funktioniert. Warum es nicht darum geht, „dass man es ja nicht so meint“ oder „dass man nichts mehr sagen darf“. Sondern darum, wie sich rassistische Strukturen in der Sprache manifestieren. Und warum sich das ändern muss. 13 lohnende Minuten.

Landart

Alle Jahre wieder versammeln wir uns – drei bis fünf Familien – meist im Oberen Donautal zum „Landart-Wochenende“. Aus Naturmaterialien werden Lichter-Flöße gebaut, erfundene Musikinstrumente, Blumenteppiche oder Steinmännchen. Alles ist für den Moment gemacht, oft ist schon anderntags die Kunst wieder weg. Kinder basteln mit Inbrunst Riesen aus Moos oder Zwerge aus Laub, Feen aus Löwenzahn oder Dampfer aus Hagebutten. Erwachsene werden zu Kindern und irgendwo hüpft immer jemand mit einer Kamera herum. Das ist die einzige Möglichkeit, das Geschaffene festzuhalten. Denn im Moment der Fertigstellung beginnt schon der Zerfall. Letztes Jahr konnten sich die kleinen und großen Andy Goldsworthys nicht treffen. Aber vielleicht landet wenigstens das eine oder andere Bild aus früheren Tagen hier:

Landart001

Und natürlich hoffen wir auf ein gutes Landart-Jahr 2021.

Kid-Cuts (65) – Pixis

Titel des Pixie-Büchleins "Berta, die Baggerfahrerin"Nein, heute geht es nicht um Musik, sondern um ein Phänomen, das Kinder lieben, Eltern in den Wahnsinn treibt und Verlage eine „Cashcow“ nennen: Pixi-Bücher. Wer mit einem Kind eine Buchhandlung betritt, kommt immer mit einem Euro weniger und einem Pixi mehr nach Hause. Nach Heimkunft muss das Neumitglied noch am selben Tag zwanzigmal vorgelesen werden. Später wird es dann sogleich zum lieblingsten Lieblingsbuch aller Zeiten oder es bleibt solange unbeachtet rumliegen, bis es ins Altpapier portiert wird, wo es der Sprössling postwendene herausfischt und tränenreich versichert, dass gerade dieses Pixi noch dringend benötigt wird. Manche Pixis können Eltern morgens um vier im Halbschlaf rezitieren, andere werden intensiv gehasst. Conny-Pixis stehen hier weit oben auf der Liste. Aber es gibt auch pädagogisch wertvolle und sogar liebevoll gemachte Pixis. Pixi Nummer 1469 gehört weder in die eine noch in die andere Kategorie.

Vermeintlich emanzipatorisch will das Pixi „Berta, die Baggerfahrerin“ den Kindern beibringen, dass Frauen auch Männerberufe ergreifen können. Wie schafft Berta das? Sie kauft sich einen Bagger und fährt damit so lange durch die Stadt, bis sie bei Peter Buddels Baugeschäft landet. Der erfolglose Bauunternehmer hat in Pisa den Turm schief gebuddelt und in Holland alles unter Wasser gesetzt. Darum hat er keine Aufträge und kann Berta auch keinen Job anbieten. Da wird Berta aktiv und buddelt mit ihrem Bagger ein riesiges Loch in die Stadt, das nach drei Tagen Baggern zum größten Spielzimmer der Welt wird. Jetzt kommen viele Kinder zum Spielen und Aufträge gibt es auch. Und das Unternehmen heißt „Berta & Buddel GmbH“.

Berta, die Baggerfahrerin - Innenteil: Laut Text kauft Berta einen großen, gelben Bagger. Daneben abgebildet ist ein kleiner, roter Bagger.

Nochmal kurz zusammengefasst: Um an dem Männerberuf „Baggerfahrer“ partipieren zu dürfen, erwirbt Berta zunächst das Produktionsmittel mit Eigenkapital. Laut Text ist das ein großer, gelber Bagger. Laut Bild ist es ein kleiner, roter. (Lieber Carlsen-Verlag: Für eine Cashcow wurde das „liebevoll illustrierte“ Buch leider zu wenig, nämlich überhaupt nicht korrekturgelesen.) Aber sie versucht jetzt nicht etwa, selbst an Aufträge zu kommen, sondern sieht ihre Chance darin, sich beim hinterletzten, erfolglosen Bauunternehmen zu bewerben. Wer sonst würde eine Frau nehmen? Dann gräbt sie – ohne Genehmigung natürlich – die halbe Innenstadt um. Dabei baut sie – natürlich, sie ist ja eine Frau! – einen Spielplatz. Einen Helm hat sie – im Gegensatz zu Buddel – selbstverständlich nicht auf. Die Frisur! Den großen, gelben Bagger fährt übrigens Peter Buddel. Große, gelbe Bagger sind halt eher was für Männer.

Altpapier

Irgendwann sind sie dran: Die Bücher, die man bei jedem Umzug im Leben in irgendeinen Karton gesteckt hat, um sie später nochmal zu lesen. Oder aus Sentimentalität. Oder weil man Bücher generell nicht wegwirft. Aber weil man in diesem Leben garantiert kein größeres Haus mehr beziehen wird und auch die Scheune schon voll ist: Die. Fliegen. Jetzt. Raus. Doch manches Buch wird tatsächlich nochmal gelesen. Wie dieses hier:

Titelbild des Buchs "Agaton Sax der Meisterdetektiv"Man sieht schon am äußeren Zustand, wie oft es gelesen wurde. Wir hatten ja nichts, da wurde jedes Buch mehrfach konsumiert. Und speziell dieses ist natürlich grandios. Agaton Sax ist Chefredakteur der kleinsten Zeitung Schwedens, der „Byköpingpost“. Nebenbei allerdings ist er einer der scharfsinnigsten Superdetektive weltweit, vor dem auch international gesuchte Verbrecher wie Anaxagoras Frank (Vorsitzender der Liga für lautlosen Sprengstoff) zittern.

Agaton Sax ist nicht nur Meister der Verkleidung, sondern auch ein bauchrednerisch begabtes Sprachgenie, das unter anderem fließend Grälisch spricht. Die schwerste Sprache der Welt wird nur noch von ganz wenigen Menschen gesprochen. Und zwei davon sitzen ganz zufällig im selben Zugabteil wie Agaton Sax, der in seinem Urlaub von Brosnien nach Merzegowina fährt. Und entpuppen sich als gefährliche Banknotenfälscher. Unerhört! Zum Glück hat der phänomenale Detektiv seinen unglaublich klugen Dackel Tickie bei sich und Tante Tilda hält die Stellung zuhause in Byköping und rätselt per Telegramm an Agaton Sax, ob sie besser Trinatriumdormatolhypnoformatolinsalicyl oder Pernatriumhypomentalcalciumformatolin zum Einschlafen nehmen soll.

Fertig gelesen. Weg. Altpapier.