Ich schäme mich.

Vielleicht ist es ein Fehler, nicht wenigstens gelegentlich die BILD zu lesen, denn so entgeht mir, aus welchem „Leitmedium“ der Hass und die Lügen stammen, mit denen die Griechen seit Jahren überzogen werden. Und die in abgeschwächter Form auch von anderen Medien übernommen werden und in Griechen-Witzchen und Nebensätzen von Bekannten und Freunden bei mir ankommen.

Bei Stefan Niggemeier lese ich nun, wie ein ehemaliger deutscher Regierungssprecher in der BILD gegen die Griechen hetzt, sie als Raffke-Griechen diffamiert und ihre Regierung mit Rockern vergleicht:

„Wie lederbejackte Rüpel-Rocker röhren Griechenlands Neo-Premier und sein Posterboy-Finanzminister seit ihrem mit platten Parolen erzielten Wahlsieg durch Brüssel. Ihr Gesetz ist die Straße. Hier sind sie (politisch) groß geworden. Hier ist ihre Hood. Deren Unterstützung wollen die Kawa-Naked-Biker (zumindest Varoufakis hat eine) nicht verlieren.“

Da wird’s mir nicht nur als Motorradfahrer schlecht. Das ist Volksverhetzung.

Wir haben Freunde in Griechenland. Das sind keine Raffkes. Auch ihre Freunde und Verwandte sind keine Raffkes. Auch deren Freunde und Verwandte sind keine Raffkes. In Griechenland gibt es grad so viele Raffkes und Zeitungsarschlöcher wie überall, wie auch in Deutschland. Die kotzen mich in Griechenland genauso an wie in Deutschland.

Unsere Freunde sind keine Raffkes, sondern Menschen, die versuchen mit dem Schlamassel klarzukommen, den die Vorgängerregierungen von Syriza in jahrzehntelanger Vetternwirtschaft verursacht haben. Ich weiß nicht, ob sie Syriza gewählt haben, aber ich würde es verstehen. Ich an ihrer Stelle hätte es wahrscheinlich getan.

Unsere Freunde sind keine Raffkes. Die versuchen, ihren Kindern mit selbstfinanziertem Privatunterricht eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Die ins Ausland gehen, um Geld zu verdienen. Die Zweitjobs annehmen, um über die Runden zu kommen. Die Tag für Tag um ihre Existenz kämpfen. Und die uns trotzdem immer wieder zu sich einladen, ihr Haus, ihr Essen mit uns teilen.

Was sagen wir denen zu solchen Zeitungsartikeln, zu den Witzchen und Beschimpfungen?

Ich schäme mich.

[Autor: uli]

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3 Kommentare zu „Ich schäme mich.“

  1. Sebastian sagt:

    Wenn das für dich ein Trost ist: In Tübingen und Berlin werden – pro 1000 Einwohner – am wenigsten Bild-Zeitungen täglich verkauft (13,0 bzw. 11,9; quelle).

    Gegen das ungute Gefühl und die berechtigte Scham hilft das natürlich wenig… :/

  2. Jo sagt:

    Ja, richtig … vor dem Hintergrund der einen oder anderen Entgleisung griechischer (und Syriza sehr nahe stehender) Medien zwar etwas einseitig beleuchtet, aber das macht’s ja deshalb nicht weniger richtig.

    https://www.djv.de/startseite/profil/der-djv/pressebereich-download/pressemitteilungen/detail/article/sofortiger-stopp-gefordert.html

  3. uli sagt:

    @Sebastian: Das beruhigt leider nicht.
    @Jo: Wie gesagt: griechische Zeitungsarschlöcher kotzen mich genauso an. Und das sehen unsere griechischen Freunde nicht anders.

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