Abgeamselt

Es gibt ja seltsame Wörter. Schabracke und Kandelaber zum Beispiel, oder auch Fisimatenten, Labskaus oder Münzfernsprechanlage. Mir geht zur Zeit ein anderes Wort durch den Kopf: Abamseln. Dem Synonym-Onlinedienst „Wie sagt man noch“ zufolge steht Abamseln für

die Radieschen von unten sehen, den Löffel abgeben, ins Gras beißen, die letzte Reise antreten, den Schirm zumachen, in die Kiste hopsen, dem Sensenmann die Tür aufmachen, den hölzernen Kittel anlegen, Harfe und Flügel fassen, aus den Socken jagen, Friedhof einfach

und so weiter und so fort. Leider wird dort nicht verraten, woher das Wort eigentlich kommt. Hingegen verrate ich euch, warum es mir ständig durch den Kopf geht.

BambusWir haben Bambus. Und zwar nicht im Sinne von „wir haben ein Auto“, sondern eher von „wir haben Windpocken“. Wie erfahrene Hobbygärtner wissen, ist Bambus ein Übel wucherndes Unkraut, das erst mit seiner Blüte dahinwelkt – im Pechfall kann das auch mal hundert Jahre dauern. Die Vorbesitzerin unseres Gartens hatte entweder nie etwas davon gehört, oder sie hatte das Grundstück wegen des Bambus‘ veräußert.
Kurz und gut: Als der Bambus eine Höhe von fünf Metern erreicht hatte und die ersten Triebe in Nachbars Garten auftauchten, beschlossen wir, den Kampf aufzunehmen und unserem Wäldchen ein für alle Mal Grenzen in Form einer Rhizomsperre zu setzen. Dazu erstanden wir zunächst schwere Plastikkübel, die von den Wurzeln mutmaßlich nicht zu durchdringen wären, gruben die Pflanzen aus und stellten sie erstmal unters Vordach unserer Scheune.

Praktisch zeitgleich ereignete sich an der nahe vorbeiführenden Straße ein furchtbares Unglück. Ein Amselpärchen, das sich im dräuenden Frühling frisch verliebt und quietschvergnügt von Garten zu Garten schwang, um rosigen Regenwürmern gemeinsam den Garaus zu machen, hatte die Geschwindigkeit eines Lastwagen falsch eingeschätzt. Im Gegensatz zu seiner abgeamselten (so wird das Wort verwendet!) Gattin in spe überlebte der Amselmann die Katastrophe mit einem schweren Schock, der sich in einer ununterbrochen fortwährenden Klagearie äußerte. Als Bühne wählte er den Giebel unserer Scheune, nur wenige Meter über dem frisch ausgepflanzten Bambus. Doch damit hatte das Drama erst begonnen.

Bevor die Pflanzkübel installiert werden konnten und die Gewächse an ihre alte Stelle zurückkehren durften, mussten größere Erdbewegungen und logistische Meisterleistungen erbracht werden – nicht zuletzt, weil es dazwischen einen Urlaub zu absolvieren galt, über den an anderer Stelle nicht berichtet wurde. Der Bambus blieb also zunächst, wo er war: Unterm Scheunenvordach.

Kaum aus dem Urlaub zurückgekehrt, noch taschenbehangen und schlüsselsuchend vor der Haustüre stehend, gerieten wir in die Fänge der Nachbarsfrau, die unsere Ankunft mit einem Anfall ornithologischer Logorrhoe begleitete, aus der die Worte „Amsel“, „Bambus“, „Nest“ und „Zettel“ bildzeitungsschriftgrößengroß herausragten. Letzterer Begriff vergegenständlichte sich (weil an der Haustüre hängend) dann auch alsbald und fasste die Fortsetzung des Dramas wie folgt zusammen:

Amselzettel

Oder anders formuliert: Sollten wir es wagen, dieses Nest auch nur anzuhauchen, müssten wir mit nachbarlich-eisigem Schweigen nicht unter 25 Jahren zu rechnen haben. Einen kleinen Moment lang fanden wir den Gedanken charmant, erinnerten uns dann aber unserer guten Kinderstube, sagten: „Äh ja“ und kehrten erstmal taschenabsetzend und haustürenaufschließend aus dem Urlaub zurück. Eine Besichtigung der Bambusbaustelle noch am selben Abend ergab folgendes Bild:

Amselnest

Als gründaumige und naturfreundliche Halbexperten untersuchten wir das Problem nach praxistauglichen Schwachstellen, mussten aber konstatieren, dass das Nest genau an der Schnittstelle aller Hauptbambusstränge angelegt war, so dass jede Bewegung in dieser Mikadoumgebung einen ornithologischen GAU ausgelöst hätte. Wir beschlossen, das zu tun, was jeder vernünftige Mensch gemacht hätte: Nichts.

In der darauffolgenden Nacht erledigte sich das Problem in Gestalt der Nachbarskatze.

5 Gedanken zu „Abgeamselt

  1. Ach je, ist das traurig zum Schluss gewesen. Nun ja, das ist der Lauf der Dinge, der „ewige Kreis“, wie Elton John einst sang. Ich hätte euch aber auch auf der Matte gestanden, dass ihr ja die Amseln im Bambus lässt und solidarisiere mich mit eurer besorgten Nachbarin. Sag, war es ihre Katze, die die Amseln fruß?

  2. Bei diesen Alltagsdramen verstehe ich endlich, warum die Einträge hier so selten geworden sind. Dennoch bin ich beleidigt, dass du nicht auf meinen Krieg gegen die Amseln im vergangen Jahr verwiesen hast! Als mein Entdecker, Förderer und einziger Leser bist Du mir das schuldig! http://www.benefitz.de/?p=38

  3. Mein zartes Gemüt traf das Ende wie ein Schlag in die Magengrube…sollte doch einer aus der Amselsippe überlebt haben – wir haben einen Balkon mit Bambus(k)übel. Nur die Anreise müssen sie selber zahlen.

  4. @Frank: Selbstverständlich hätten wir nie, nie, niemals das Nest angerührt. Andererseits war es lausig und nachgerade nachlässig gebaut. Daher stellte sich nach einer angemessenen Trauerfrist eine gewisse Erleichterung bei uns ein. Die Katze gehörte – leider (in einem anständigen Drama wäre eine Personengleichheit unabdingbar gewesen) – anderen Nachbarn.

    @juf: Ich hatte mit dem Gedanken gespielt. Und dann auch eifrig danach gesucht. Da dein Blog keine anständige (genauer gesagt: überhaupt keine) Suchfunktion hat, bin ich daran jämmerlich gescheitert. Selbstverständlich habe ich darüber hinaus sämtliche Beiträge im Kopf. Die Frage ist aber: in welchem Teil? Ich vermute, dass grad Azubi damit unterwegs ist. Sorry.

    @Anke: Ich werde zukünftig einen Anke-Anker setzen: „ACHTUNG ANKE: Es könnte sein, dass in diesem Beitrag Vögel oder deren Produkte Schaden nehmen.“ Ich hoffe, ich denke das nächste Mal dran. Und natürlich, dass es kein nächstes Mal gibt.

  5. Pingback: ADzero Bamboo: Bambus-Smartphone kurz vor der Marktreife

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