Busle mit Fischle

Gebrauchtwagenhändler haben einen schlechten Ruf, weil sie mit Tricks arbeiten, den Kilometerstand manipulieren und überhaupt: jeder fünfte ein Betrüger ist. Untertroffen wird der herkömmliche Gebrauchtwagenhändler lediglich vom schwäbischen Gebrauchtwagenhändler, denn der ist darüber hinaus ein geiziger Entenklemmer.

So kann uns keiner verdenken, dass uns neulich nach dem Kauf unseres 140.000 Kilometer alten gebrauchten VW-Busses erhebliche Zweifel an der Integrität unseres Bulli-Dealers kamen, als wir bereits auf der Nachhausefahrt feststellen mussten, dass der dritte Gang nicht dort blieb, wo er hingehörte, sondern stets das Weite, nämlich den Leerlauf suchte.

Unser autoschraubender Nachbar konstatierte noch am selben Abend, dass entweder Schaltgestänge oder Getriebe über den Jordan gegangen sein mussten. Für ersteres müssten wir einen Fachmann konsultieren, für zweiteres denselben plus eine ordentliche Stange Geldes, dazu im Zweifel einen gewieften Fachmann juristischer Provenienz, vulgo: Anwalt.

Busle ohne Fischle

Bild typähnlich. Originalbus jedoch späteres Baujahr, generell größer und grüner sowie dritterganglos.

„Aber“, ergänzte der Nachbar, „da ihr die Kiste bei einem Händler gekauft habt, habt ihr ja Garantie.“
„Äh … nein“, erwiderten wir, denn der Kaufvertrag betonte ausdrücklich, dass der Händler im vorliegenden Fall als Privatperson agierte.
„Bei so alte Audos kann i koi Garantie abgäba“, hatte der Händler gesagt, „aber meine Busle send ächt okeh.“

Wir hatten ihm das abgenommen – wohl etwas blauäugig. Dennoch rief ich ihn anderntags noch einmal an. Er sollte wenigstens wissen, was mit dem Auto los war, denn auch er hatte es schließlich jemandem abgekauft. Der Händler versicherte uns, dass er a. keine Ahnung gehabt habe, „dass des Busle net in Ordnung gwäa sei“ und b. einen Spezialisten zur Hand habe, der sich das Problem mal anschauen könnte. Wir dachten bei uns a. „Jaja, schon klar …“, aber dann: b. „Schlimmer wird’s nimmer.“

Also brachten wir das Busle wieder zurück und harrten der Dinge. Etliche Tage später rief der Händler an:
„Also des Geschdänge war’s net.“
„O weh.“
Pause.
„Do war nix meh zum macha.“
„O weh.“
Pause.
„Des heißt, des Getriebe isch kaputt.“
Ich variierte mit „O je“, weil ich gedanklich die Hände meines Bankberaters sich wundreiben sah.
Der Händler pausierte erneut.
„Zom Glück hend mir grad a Getriebe übrig.“
Pause.
„Mir hend’s dann glei einbaut.“
Ungläubig und sprachlos wie ich war, hätte ich schier gar aufgelegt, sah dann aber ein, dass es opportuner wäre, einen Abholtermin zu vereinbaren. Der Händler murmelte noch etwas von Originalteilen, die sie beim Einbau der Kupplung dazukaufen mussten, und dass er es nett fände, würden wir uns daran beteiligen. Von weiteren Kosten war nicht die Rede.

Wochenends darauf fuhren wir wieder zum Händler und erfuhren dort, dass allein das Auswechseln des Getriebes über 1.000 Euro gekostet habe (was sich mit den Preisangaben unseres Nachbars deckte) und übernahmen daraufhin gerne die Kosten für die nagelneuen Kupplungsteile. Nun wollten wir aber auch wissen, was denn der Vorbesitzer dazu gesagt habe.
„Net viel“, erzählte der Händler, aber er habe herausgefunden, dass das Busle erst vor einem halben Jahr in der Werkstatt gewesen sei – mit Getriebeschaden.
„Ja schon“, habe der Vorbesitzer gesagt, aber nun sei es ja repariert.
Nicht so ganz, wie wir feststellten. Eigentlich überhaupt nicht.
„Wer kommt denn nun für den Schaden auf?“, wollte ich wissen.
Der Händler wischte den Vorbesitzer mit einer Handbewegung weg und fragte, ob wir das „Fischle“ entfernt hätten.
Fischle„Was für ein Fischle?“
„Ach so, dann hend meine Leit den Aufkleber weggmacht.“
Ach. So ein Fischle.

Wir bedankten uns artig und fuhren die sechzig Kilometer wieder nach Hause. Das heißt: Wir wollten. Denn nach dreißig Kilometern gab das Radio seinen Geist auf, dann gingen nacheinander ABS- und Ölwarnleuchte an, anschließend verabschiedete sich das Licht – es war mittlerweile Nacht geworden – und zuletzt blieb das Busle stehen. Ich tippte auf Lichtmaschine.

Der Händler war noch im Büro, als ich anrief. Er fragte die Symptome ab und versprach, alsbald zu kommen und das Busle wieder abzuholen. Wir beschrieben den Standort, deponierten den Schlüssel in der Tankklappe und fuhren mit dem zweiten Auto nach Hause.

Am nächsten Tag rief unser Busfachmann wieder an und erklärte lakonisch, der Kabelbruch an der Lichtmaschine sei repariert. Er könne uns das Fahrzeug Ende der Woche vorbeibringen. Da wir jedoch ein langes Wochenende mit dem Busle fortzufahren gedachten, sagte ich, wir würden es selber holen.

Donnerstagabend fuhren wir zum mittlerweile fünften Mal die einstündige Strecke zum Händler und schworen uns, dass dies das letzte Mal sei. Der Händler hatte sich wohl ähnliches überlegt und meinte, wenn jetzt noch was käme, würde er uns unser Geld wieder geben und das Busle zurücknehmen. Bevor wir vom Hof fuhren, überreichten wir ihm zum Dank noch eine Packung Goldfischli.

Am nächsten Morgen packten wir das Busle voll, schnallten das Kind, Oma und Opa an und winkten dem Nachbarn zu. Ich drückte das Kupplungspedal und versuchte vergeblich einen Gang einzulegen. Das Kupplungspedal aber klebte fortan am Boden wie weiland Joe Louis nach seiner Bekanntschaft mit Schmelings rechter Faust. Kurz: Das schönste Getriebe nützt dir nichts, wenn du wegen der defekten Kupplung keinen Gang reinkriegst.

Mittlerweile kannte ich die Telefonnummer unseres Händlers auswendig, er hingegen meine Stimme, wodurch eine Vorstellung obsolet wurde.

„Was isches jetzt?“, fragte er mit einer Stimme, die jeder Bibelfilmmacher mit Handkuss als Hiobssynchronisation gekauft hätte.
„Kupplung“, erwiderte ich.
„I hol’s Busle heut mittag.“
Unsere Dialoge erweckten den Anschein von ernstgemeinten Schweigegelübden.
„Schlüssel in Tankdeckel?“
„Jo.“
Wir luden unser Wochenendgepäck wieder um und machten Kurzferien auf dem Bauernhof. Als wir Sonntagabend zurückkehrten, war der Parkplatz leer.

Dienstag früh rief unser Händler an, murmelte etwas von Hydraulik, spröde gewordenen Dichtungen, dass man das Getriebe nochmal habe ausbauen müssen und wann er das Busle bringen könne. Mittwoch abend stand er vor unserem Haus, fuhr das Busle schwungvoll vom Hänger und drückte mir den Schlüssel in die Hand.
„Des Kennzeichenlämple hen mir no gwechselt“, sagte er und verschwand in der Dunkelheit.

Das ist jetzt zehn Tage her. Seither murmelt unsere Tochter den Namen des Händlers wie ein Mantra. Zu Recht, hat sie doch bei jedem Besuch einen Flummi abgestaubt.

Auch wir haben ein bisschen Sehnsucht nach unserem Händler.
Aber nicht wirklich.

4 Gedanken zu „Busle mit Fischle

  1. Ich hab‘ Tränen gelacht. Vor allem wegen der ausgeschriebenen Schwäbelei.
    Aber das die Promoteams von Nordsee ungefragt fremde Autos mit ihrem Logo bekleben, fand ich schon immer frech.

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