Der Mantel der Gechichte

Helmut Kohl lief mir bisher nur einmal über den Weg. Damals war er noch Bundeskanzler. Wir trieben uns tourimäßig vor dem Brandenburger Tor herum und er keilte sich – aus dem Adlon kommend – durch eine Meute Journalisten auf die Straße, nahm ein paar Meter „Unter den Linden“ mit, machte dann auf dem Absatz kehrt und stürmte den selben Weg zurück. Vielleicht hatte er seine Leibwächter, eher aber den Nachtisch vergessen. „Ein stattlicher Mann“, sagt man da, will man vermeiden, anderen Assoziationen nachzugeben.

Aber die sind bei mir ohnehin inhaltlicher Art. Helmut Kohl ist für mich der Politiker,

  • der sich von einem Nazi Karrierehilfe geben ließ,
  • der sich aus der Flick-Affäre Anfang der 80er Jahre nur mithilfe eines Gedächtnis-„Blackouts“ retten konnte,
  • der sich 1984 beim Staatsbesuch in Israel der „Gnade der späten Geburt“ rühmte,
  • der sich ein Jahr später in Bitburg mit Ronald Reagan vor SS-Gräbern traf,
  • der sich aus der Parteispendenaffäre mit einer Zahlung von 300.000 Mark freikaufen konnte,
  • in dessen Amtszeit Akten verschwanden, die mehr als einen Untersuchungsausschuss hätten beschäftigen können

Neulich lief mir Helmut Kohl ein zweites Mal über den Weg. Als Friedensnobelpreiskandidat. Ich bin sprachlos.

[Beim Haltungsturner gefunden, der das zunächst für einen Scherz hielt.]

2 Gedanken zu „Der Mantel der Gechichte

  1. Darf ich Jens Jessen zitieren? Ich habe das schon mal getan, aber ich mag diese beiden Sätze halt so gerne:
    „Kohl ist nicht der Kanzler der Einheit, so wie Bismarck seinerzeit der Kanzler der Einheit, nämlich der Architekt der kleindeutschen Lösung war. Kohl stand sozusagen nur als erster am historischen Büfett, aus natürlicher Verfressenheit, und hat instinktsicher zugepackt.“

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