Im Büro (1)

Unser neues Intranet kommt auf die Welt und trägt schon schwer an der Last eines Fluches. Und zwar der des „Curse of the Basisdemokratie“. Während mancherorts so etwas (zu Recht!) von oben herab bestimmt wird, ist bei unserem sozialen Unternehmen schwerste Mitarbeiterbeteiligung angesagt. Bei einem Vortreffen wurden alle Abteilungen angeschrieben und eingeladen. Das erste, große Treffen war ein Wunschkonzert mit ganz großem Orchester.

Ein etwas schweigsamer junger Mann saß dann mehrere Wochen lang in unserer Abteilung vor einem 13-Zoll-Röhrenbildschirm und starrte sich bei der Programmierung die Augen blind. Das multifunktionale Super-Duper-Intranet, das er erschuf, ließ vom nächsten Fluchtweg, bis zum abteilungseigenen Fotoalbum keine Wünsche offen. An alle Mitarbeiter des ersten Treffens erging der Auftrag, über ein kompliziertes Umfragetool, den Prototypen zu bewerten. Nach mehrmaliger Aufforderung hatten zwei Mitarbeiter den Entwurf evaluiert. Auf Basis der via Powerpoint präsentierbar gemachten, aber dann doch zwecks besserer Sichtbarkeit über Ausdrucke lesbar gemachten Umfrage, wurde ein weiteres Arbeitsgruppentreffen in großer Runde veranstaltet, bei dem jeder sagen durfte, was ihm an dem Prototypen gefällt.

Unter Blut, Schweiß und Tränen wurden dann fürs Bürodasein überlebenswichtige Punkte wie Speisepläne benachbarter Kantinen wieder entfernt. Die Diskussion über Sinn und Unsinn von Wissensdatenbanken und Wikis bei einer überschaubaren Gruppe von Teilnehmern nahm mehrere Tage in Anspruch und beschädigte einige Arbeitsgruppenteilnehmer gesundheitlich schwer.

Während viele Kisten Konferenzgetränke getrunken und „Florenz“-Gebäckmischungen verzehrt wurden, träumte unser nur gebrochen deutsch sprechender Systemadministrator aus Kirgisien von fettigen Blinis und die etwas verhuschte Blondine aus der Internen Revision lachte ab und zu hysterisch auf.

Nach marginaler Entschlackung des Prototypen wurde die gesamte Belegschaft zu einem Einführungstreffen im großen Konferenzsaal mit Mettbrötchen und Filterkaffee geladen und während eines Vormittags mit der facettenreichen Funktionalität des Prototypen komplett überfordert. Unser kirgisischer Systemadministrator träumte derweil von den weiten und fruchtbaren Steppen seiner Heimat und die verhuschte Interne Revisorin fing an nervös an ihrer Nagelhaut herumzukauen. Seither erwartet uns des morgens ein bunt animierter Startbildschirm, den jeder so schnell wie möglich wegklickt, um sich dann bei Spiegel-Online über den aktuellen Stand der Welt zu informieren.

Ein Gedanke zu „Im Büro (1)

  1. Hurra, eine neue Serie! Sogar eine, bei der ich mitmachen kann. Büro, Büro, wir leben im Büro!

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