Richtungsding II

Neu ist es nun nicht mehr, das Richtungsding, das einem Dichtungsring entsprang. Vor einem halben Jahr erschien das erste Heft dieses jungen Literaturmagazins und ich fazitierte damals:

Jan-Paul Laarmann sagt im Video:
“Das Schöne ist, wir haben eigentlich keine Fallhöhe.”
Das stimmt nun nicht mehr.

Dieses Lob griffen die Richtungsdinger nun wieder auf, und twitterten mich wie folgt an:

Um es mir einfach zu machen: Sie haben.

Um es mir etwas schwerer zu machen, beginne ich mit dem Inhalt. Denn da sind wie beim ersten Heft Texte, die mir mehr und andere, die mir weniger gefallen. Auch diesmal ist die Auswahl an Texten so bunt wie die an Autorinnen und Autoren. Vom Valentinstag mit Günter Jauch über den unstillbaren Vokuhilawunsch eines Finanzbuchhaltungsfachangestellten bis zur eindrücklichen Schilderung einer Demenzgeschichte, von der kafkaesk-dadaistischen siebenbeinigen Spinne über das erschreckende Ende einer geisterhaften Wohngemeinschaft bis hin zum Lehr- und Hörspiel über die Literaturindustrie – hier versammeln sich wieder wortgewordene Gedankenspiele, Erfahrungsschätzchen und Sprachbasteleien, kurz: junge, werdende Literatur.

Die Mischung gefällt mir und ich habe den Eindruck, dass das Richtungsding auf der Höhe der Zeit ist – dessen, was und wie derzeit geschrieben wird. Was den Inhalt betrifft, wähle ich daher als Fallhöhenbild den Zehnmeterturm im Freibad und behaupte mal einfach, das Becken sei breiter geworden. Denn schon der Umfang des Heftes ist ordentlich gestiegen.

Was ich aber ebenso spannend finde: Hier begleitet ein junges Literaturmagazin im Werden junge Autoren im Werden. Und wir dürfen dabei zusehen. Denn der Arbeitsprozess der Herausgeber wird fortlaufend in einem gebloggten Journal dokumentiert und wir lesen beispielsweise gerührt:

„Paul und ich sind froh, dass unser Redaktionsteam nur aus unseren beiden Köpfen besteht. Es war schon so schwer genug, sich auf eine Schriftgröße und auf die Seitenränder, etc. zu einigen. (…) Wäre unsere Redaktion größer, würden die Prozesse wohl noch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Andererseits steht es, wenn man zu zweit ist, auch häufig 1:1. Wie auch immer, wir sind so langsam auf der Zielgeraden.“

Natürlich ist die zweite Ausgabe immer eine um hundert Prozent routiniertere, und so stellen wir fest, dass besser Korrektur gelesen wurde und die Typographie dem Leser nun freundlicher gesonnen ist. Nun kann ich nur noch darüber meckern, dass man dem Trennprogramm nicht alles glauben möge und das Layout noch Spielraum in Richtung der Inhalte hat: Warum soll junge Literatur nicht auch ein junges Erscheinungsbild haben? [Liest hier ein junger Nachwuchsgrafiker mit, dem dazu was einfällt?]

Noch kurz zwei Dinge, die oben nicht hineinpassten. Auszüge aus Romanen, auch wenn sich der gewählte Abschnitt wie eine eigene Geschichte liest, hat das Richtungsding nicht nötig. Bei den Zeichnungen bin ich mir nicht so sicher, finde aber die im zweiten Heft deutlich passender als die im ersten. Das Lesezeichen als Bloghinweis aber ist richtig klasse, auch wenn mich die beworbene Seite (noch) etwas ratlos zurück lässt.

Allen, denen es mit dieser Rezension ebenso geht, weil sie das rezensierte Heft nicht kennen, darf ich empfehlen, wenigstens kurz mal reinzuschauen. Kaufen geht dann siehe unten.

Info
Das Richtungsding wird herausgegeben von Harald Gerhäußer und Jan-Paul Laarmann und kann zum Preis von 5 Euro (Korrektur 7.12.) 6 Euro (zzgl. Porto) bestellt werden. Weitere Informationen
im Web: www.richtungsding.com
im Blog: richtungsding.posterous.com
bei Twitter: @richtungsding
bei Facebook: Dichtungsring Ruhr

Wer dem Fernsehen mehr vertraut als einem dahergelaufenen Blog: Guggsdu.

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