Kid-Cuts (65) – Pixis

Titel des Pixie-Büchleins "Berta, die Baggerfahrerin"Nein, heute geht es nicht um Musik, sondern um ein Phänomen, das Kinder lieben, Eltern in den Wahnsinn treibt und Verlage eine „Cashcow“ nennen: Pixi-Bücher. Wer mit einem Kind eine Buchhandlung betritt, kommt immer mit einem Euro weniger und einem Pixi mehr nach Hause. Nach Heimkunft muss das Neumitglied noch am selben Tag zwanzigmal vorgelesen werden. Später wird es dann sogleich zum lieblingsten Lieblingsbuch aller Zeiten oder es bleibt solange unbeachtet rumliegen, bis es ins Altpapier portiert wird, wo es der Sprössling postwendene herausfischt und tränenreich versichert, dass gerade dieses Pixi noch dringend benötigt wird. Manche Pixis können Eltern morgens um vier im Halbschlaf rezitieren, andere werden intensiv gehasst. Conny-Pixis stehen hier weit oben auf der Liste. Aber es gibt auch pädagogisch wertvolle und sogar liebevoll gemachte Pixis. Pixi Nummer 1469 gehört weder in die eine noch in die andere Kategorie.

Vermeintlich emanzipatorisch will das Pixi „Berta, die Baggerfahrerin“ den Kindern beibringen, dass Frauen auch Männerberufe ergreifen können. Wie schafft Berta das? Sie kauft sich einen Bagger und fährt damit so lange durch die Stadt, bis sie bei Peter Buddels Baugeschäft landet. Der erfolglose Bauunternehmer hat in Pisa den Turm schief gebuddelt und in Holland alles unter Wasser gesetzt. Darum hat er keine Aufträge und kann Berta auch keinen Job anbieten. Da wird Berta aktiv und buddelt mit ihrem Bagger ein riesiges Loch in die Stadt, das nach drei Tagen Baggern zum größten Spielzimmer der Welt wird. Jetzt kommen viele Kinder zum Spielen und Aufträge gibt es auch. Und das Unternehmen heißt „Berta & Buddel GmbH“.

Berta, die Baggerfahrerin - Innenteil: Laut Text kauft Berta einen großen, gelben Bagger. Daneben abgebildet ist ein kleiner, roter Bagger.

Nochmal kurz zusammengefasst: Um an dem Männerberuf „Baggerfahrer“ partipieren zu dürfen, erwirbt Berta zunächst das Produktionsmittel mit Eigenkapital. Laut Text ist das ein großer, gelber Bagger. Laut Bild ist es ein kleiner, roter. (Lieber Carlsen-Verlag: Für eine Cashcow wurde das „liebevoll illustrierte“ Buch leider zu wenig, nämlich überhaupt nicht korrekturgelesen.) Aber sie versucht jetzt nicht etwa, selbst an Aufträge zu kommen, sondern sieht ihre Chance darin, sich beim hinterletzten, erfolglosen Bauunternehmen zu bewerben. Wer sonst würde eine Frau nehmen? Dann gräbt sie – ohne Genehmigung natürlich – die halbe Innenstadt um. Dabei baut sie – natürlich, sie ist ja eine Frau! – einen Spielplatz. Einen Helm hat sie – im Gegensatz zu Buddel – selbstverständlich nicht auf. Die Frisur! Den großen, gelben Bagger fährt übrigens Peter Buddel. Große, gelbe Bagger sind halt eher was für Männer.

Altpapier

Irgendwann sind sie dran: Die Bücher, die man bei jedem Umzug im Leben in irgendeinen Karton gesteckt hat, um sie später nochmal zu lesen. Oder aus Sentimentalität. Oder weil man Bücher generell nicht wegwirft. Aber weil man in diesem Leben garantiert kein größeres Haus mehr beziehen wird und auch die Scheune schon voll ist: Die. Fliegen. Jetzt. Raus. Doch manches Buch wird tatsächlich nochmal gelesen. Wie dieses hier:

Titelbild des Buchs "Agaton Sax der Meisterdetektiv"Man sieht schon am äußeren Zustand, wie oft es gelesen wurde. Wir hatten ja nichts, da wurde jedes Buch mehrfach konsumiert. Und speziell dieses ist natürlich grandios. Agaton Sax ist Chefredakteur der kleinsten Zeitung Schwedens, der „Byköpingpost“. Nebenbei allerdings ist er einer der scharfsinnigsten Superdetektive weltweit, vor dem auch international gesuchte Verbrecher wie Anaxagoras Frank (Vorsitzender der Liga für lautlosen Sprengstoff) zittern.

Agaton Sax ist nicht nur Meister der Verkleidung, sondern auch ein bauchrednerisch begabtes Sprachgenie, das unter anderem fließend Grälisch spricht. Die schwerste Sprache der Welt wird nur noch von ganz wenigen Menschen gesprochen. Und zwei davon sitzen ganz zufällig im selben Zugabteil wie Agaton Sax, der in seinem Urlaub von Brosnien nach Merzegowina fährt. Und entpuppen sich als gefährliche Banknotenfälscher. Unerhört! Zum Glück hat der phänomenale Detektiv seinen unglaublich klugen Dackel Tickie bei sich und Tante Tilda hält die Stellung zuhause in Byköping und rätselt per Telegramm an Agaton Sax, ob sie besser Trinatriumdormatolhypnoformatolinsalicyl oder Pernatriumhypomentalcalciumformatolin zum Einschlafen nehmen soll.

Fertig gelesen. Weg. Altpapier.

Lies mal wieder. Zum Beispiel Dürrenmatt.

100 Jahre wäre Friedrich Dürrenmatt heute geworden. Seine Welterfolge „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ sind nicht nur in schulischen Theateraufführungen Dauerbrenner. Auch seine Dramentheorie, die die Tragikomödie und die Groteske nutzt, um den Zuschauer zum Nachdenken zu bringen, wirkt sich bis heute auf die Theaterpraxis aus und lässt sich auch in modernen Fernsehserien als „Dramedy“ wiederentdecken. Was mir aber schon früh in die Hände fiel und nachhaltig beeindruckte, waren die Romane und Erzählungen Dürrenmatts. Heute also eine gute Gelegenheit, ein paar alte Bücher dringend zu empfehlen und wieder zu lesen.
Phantastisch dicht und unter die Haut gehend ist zum Beispiel Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“. Der Plot ist auch Grundlage für den Film „Es geschah am hellichten Tag“ mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe. Der Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“ verdreht auf raffinierte Weise die Idee des Genres. Auch hier kommt der Held richtig ermittelnd zum falschen und falsch ermittelnd zum richtigen Ergebnis. Ebenfalls weit über den Krimi hinaus reicht „Der Verdacht“, in dem es auch um die sehr persönlich geführten Ermittlungen des Kommissars geht, aber noch viel mehr um die Person des Verbrechers und das Böse an sich.
Auf Wiederlesen!

Reporterpreis 2020

Jonas Schaible schreibt unter anderem für den SPIEGEL, für T-Online und auch sonst noch hier und vor allem da. Sein Blog „Beim Wort genommen“ hat er leider eingestellt. Bei mir steht er schon länger auf der Liste für „Das Letz niest“. Glück gehabt, Jonas, dass wir seit 2012 keine Fortsetzung mehr geschafft haben! Sein für T-Online geschriebener Essay „Wer von Ökodiktatur spricht, hat das Problem nicht verstanden“ erhielt jetzt den renommierten Deutschen Reporterpreis 2020. Darum:
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Alles neu macht der November

Über zweieinhalb Jahre her ist der letzte Beitrag in diesem Blog. Das ist entrüstend und wird hiermit geändert. Zu Zeiten von Social Media an jeder Ecke tut es not, unser gutes altes Blog wieder zu reaktivieren. Our Blog is our Castle und dazu brauchen wir kein Facebook und kein Instagram. Punkt.
Wir haben uns auch vom alten Design verabschiedet, dem Ur-Theme von WordPress (ich kenne nur noch ein Blog, auf dem das läuft. Hallo Helmut!). Das lief absichtlich so lange, aber genauso absichtlich gibt es hier jetzt Neues. Naja.
Und wir freuen uns ab sofort wieder über Lurker genauso wie über Kommentare.

Wir staunen.

Eine Firma überweist versehentlich im Abstand von drei Tagen eine Rechnung zweimal. Am Tag, an dem die zweite Rechnung auf unserem Konto gutgeschrieben wird, erreicht mich ein Brief (!), in dem die Firma auf ihr Missgeschick hinweist. Hätte sie nicht müssen, denn natürlich wird der doppelte Betrag zurücküberwiesen. Das geht ja ganz fix: Im Bankprogramm die Fehlüberweisung rechts anklicken und „Rücküberweisung“ auswählen – fertig.

Tags darauf kommt ein zweiter Brief (!):

Ich weiß gar nicht, worüber ich am meisten staunen soll: Dass jemand im Internetzeitalter noch solche Briefe schreibt, dass jemand erstaunt darüber ist, dass er sein Geld gleich wieder zurück kriegt oder dass jemand in einer Geschäftskorrespondenz die Worte „Wir staunen“ verwendet.

Made my day.

3.7.2014

(Ich wähle den Titel Techniktagebuch-konform. Denn da darf der Text gerne hin)

Eben beim Notar: Es geht um eine kleine Änderung beim Registergericht, zwei Seiten, eine Unterschrift. Alles ist schon lange vorbesprochen, alle notwendigen Unterlagen liegen auf dem Tisch.

Der Notar liest das zu unterschreibende Dokument nochmal vor, wie das Notare so tun: leiernd, schnell, unverständlich. Er macht das mutmaßlich sowieso nur für sich, um beim Lautlesen über die eigenen Fehler zu stolpern. Ups! Da ist schon einer.

„Dabei habe ich doch gerade das Rechtschreibprogramm drüberlaufen lassen.“

Er korrigiert in dem Dokument mit Bleistift, dreht sich in seinem Drehstuhl zum Computer und ändert das eben von Hand Korrigierte nun auch im Computer. Dann druckt er die Seite aus, nimmt sie aus dem Drucker, legt das korrigierte Blatt in ein Fach unter dem Schreibtisch und das neue vor sich hin.

„So, jetzt kann’s weitergehen.“

Beim nächsten Fehler das gleiche Prozedere.

„Huch, da hat sich ein Absatz verschoben.“

Bleistiftkorrektur, Drehstuhl, Computerkorrektur, Neuausdruck, Weiterlesen. Nächste Seite.

„Da muss doch ein Komma hin!“

Bleistiftkorrektur, Drehstuhl, Computerkorrektur, Neuausdruck, Weiterlesen. Diesmal legt er das korrigierte Blatt aber auf einen anderen Stapel unter dem andern Tisch. Ich würde gerne fragen, nach welchem System er Altpapier ablegt, traue mich aber nicht.

Nach drei Fehlern auf zwei Seiten sind wir fertig, das Dokument wird unterschrieben.

PS: Beim Rausgehen sehe ich den WM-Spielplan an der Wand hängen. Der Notar hat nicht nur alle bisherigen Ergebnisse eingetragen, sondern auch die zukünftigen. Die aber mit Bleistift. Holland wird Weltmeister, sagt der Bleistift.