Wo der König noch Gast ist

Wir waren unterwegs. Mit Kindern. Im Osten der Republik. Das sollte man nicht, ich weiß. Wir haben es aber trotzdem getan. Es war halt Pfingsten und da fährt man eben weg. Wir also in die Uckermark, wo es noch so aussieht wie im Rest der Republik vor vielleicht 200 Jahren, bevor sich jemand so etwas wie Flurbereinigung, geteerte Straßen oder für schweres landwirtschaftliches Gerät zugängliche agrarische Nutzflächen ausgedacht hat. Da ist alles noch krumm und schief und wild und bunt, es summt und brummt und kuckut aus dem Wald, dass es schallt.

In einem alten Hofgut kamen wir unter. Friedrich Wilhelm Buttel, der als Erfinder der Dachpappe gilt, hat sich das 1840 ausgedacht und seither steht das Gut in der Gegend rum. Die Zeiten des real existierenden Sozialismus überlebte es nur so halbgut, bevor ein alter DDR-Pantomime sich seiner erbarmte und es seither renoviert. Dieser spielte 1964 in dem DDR-Film, „Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen” die Rolle des schurkischen Zauberers Sassafraß und beäugte uns bei der Ankunft schon dermaßen skeptisch von seinem Minitraktor herunter, als wäre er aus dieser Rolle nie wieder herausgekommen.

Die zwei hofeigenen dänischen Doggen, eine Kreuzung aus Hund und Kalb, bei der die Gene des letzteren eindeutig gewonnen hatten, versuchten gleich nach Ankunft die Kinder aufzuessen. Das fanden die nicht so gut. Die Hofbesitzerin ließ es geschehen. Das hätte uns eigentlich stutzig machen sollen. Wir sagten aber nichts.

Der kurz nach uns ankommende Freund wurde herzlich mit „Und darf ich Sie fragen, was Sie hier wollen?” begrüßt. Der Fairness halber muss aber gesagt werden, dass er unseren nun schon Hund-traumatisierten Jüngsten vor der aggressiv fauchenden schwangeren Katze retten wollte und einen Fußtritt antäuschte – sich aber just in dem Augenblick die Hausherrin zu ihm umdrehte. Den noch nicht verflogenen Groll der Katze bekam kurz darauf das Töchterchen einer anderen Freundespartie durch einen so gezielten wie heimtückischen Tatzenhieb zu spüren. Begrüßt wurden diese mit einem freundlichen „An Ihnen verdienen wir ohnehin nichts”, weil wir uns weitestgehend selbst versorgen wollten. Auch das nahmen wir hin.

Ebenso wie die wahrscheinlich dressierten Stechmücken, die uns in großen Wolken quer durchs Gelände folgten – und wir sie dafür gnadenlos meuchelten. Der Gipfel des Tierhasses waren aber die Gänse, die sich ohn’ Unterlass gegenseitig aufs Brutalste würgten und in den Hals bissen. Noch zwei Wochen später brechen die Kinder in jammerigsters Geheul aus, wenn ich das Wort „Gans” nur in den Mund nehme.

Der erste Abend verlief unspektakulär. Unseren auf Geheiß der Besitzer mitgebrachten Grill mussten wir samt lodernder Glut zweimal woanders hin stellen, weil die anderen Gäste sonst auch auf die dumme Idee der Selbstverköstigung kommen könnten. Außer uns war aber niemand da. Und in der entferntesten Ecke des Gutsgeländes versuchten wir das gute Bioland Fleisch vor den ausgehungerten Katzen zu retten, während wir den durch Stechmücken hervorgerufenen dramatischen Flüssigkeitsverlust mit Bier ausglichen.

Anderntags regnete es viel. Und wenn gerade nicht, dann saß der Hausherr samt breitkrempigen Hut in Künstlerpose vor seinem Gut, sonnte sich in seinem vergangenen Ruhm als Darsteller des Zauberers Sassafraß und fragte keck, wer uns denn sein Gut, diesen Geheimtipp aller Geheimtipps, verraten habe. Seine signifikant jüngere Frau versuchte uns derweil zu ignorieren und die „gute Seele” der Pension, eine Küchenhilfe mit freundlichen Augen und verschlagenem Charakter, funkelte uns böse an, wenn wir es noch wagten, beim eigentlich im Preis inbegriffenen Frühstück noch eine zweite Tasse Kaffee aus der Thermoskanne zu zapfen. Wir kippelten demütig auf den gedrechselten Eisenstühlchen.

Schon etwas kleinlauter schlichen wir fortan über das Gelände, machten einen großen Bogen um die Hunde, mieden die Katzen und die Gänse ohnehin. Die Stechmücken aber erschlugen wir weiterhin in großer Zahl. Am Abend sagte man uns, das Champions-League-Finale sei wegen des unfassbar schlechten Empfangs auf dem gutseigenen Fernseher nicht zu sehen. Stumm kauerten wir deshalb über einem alten Transistorradio um die Niederlage der Bayern zu bezeugen, tranken freudlos warmes Bier, schliefen danach sehr schlecht, wachten gerädert auf, mussten zügig die Zimmer räumen, weil angeblich neue Gäste schon Schlange stünden, machten eine wunderbare Abschlusswanderung, kamen gutgelaunt zurück, verspürten Harndrang, mussten nochmal im Gut pinkeln, wurden vom ewigen Sassafraß-Darsteller angeranzt, was wir denn immer noch hier suchen würden und fragen uns seither, warum haben wir vorher nicht Ilko-Sascha Kowalczuks wegweisendes Buch „101 Fragen zur DDR” gelesen haben.

Der beschreibt darin nämlich, warum Handwerker die heimlichen Könige der DDR waren, Klempner unerträglich arrogant und Kellner schier unfassbar unfreundlich: Als inoffizielle Verwalter des Mangels wussten diese, dass sie ihr Geld mit oder ohne Freundlichkeit bekamen.

Das Gut des Pantomimenspielers verbuchen wir deshalb zur Traumabewältigung als eine Art Zeitkapsel in attraktiver Eiszeitlandschaft. Wer zu jung für einen DDR-Besuch war: Die E-Mail-Adresse der frostigen Ossis und ihrer streng sozialistischen Menagerie kann beim Autor erfragt werden.

Ein Gedanke zu „Wo der König noch Gast ist

  1. Herrliche Geschichte, die ich beim letzten „Das letz niest“ live hören durfte. Ich habe eine ähnliche Geschichte schon im Bayrischen Wald erlebt. Es gibt halt überall sodde und sodde. Und: aufgeschrieben ist halb verdaut!

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