Fleischwerdung des Schalls

Schemen und Lärm

Im Konzert gewesen. Schier taub geworden. Schon der Name der Truppe ein Rätsel mit drei Klammerschlüssen. „Sunn O)))“. Die stehen wohl als Zeichen dafür, dass es aus und vorbei ist mit verschachtelten, komplizierten Rhythmen. Mit Rhythmen und Songstrukturen überhaupt. Und sowieso mit allem, was man so mit Musik in Beziehung bringt. Denn als prominenteste Vertreter des so genannten Drone Doom machen die beiden mit Gitarren bewaffneten, von Trockeneisnebel umhüllten und in Mönchskutten gewandeten Musiker etwas, das an industrielle Betonsägearbeiten erinnert. Mit einer Säge, deren Blatt sich anderthalb Mal pro Minute durch eine sehr, sehr dicke Mauer fräst.

Das wäre ohne den entsprechenden Schalldruck aber höchst langweilig. Weithin angeschlagen deshalb der Hinweis auf das mögliche Entstehen von Hörschäden, für die der Veranstalter natürlich keine Haftung übernehmen will und deshalb großzügig bunte Ohrstöpsel verteilt. Meine mitgebrachten semiprofessionellen Schalldämpfer kapitulieren auch vor dem Niederfrequenz-Terror. Da hilft nur noch, die Stöpsel mittels Daumen in den Schädel pressen und auf eine Pause warten. Die kommt aber nicht, denn die Lärmwellen rauschen ohn‘ Unterlass aufs Volk das da auf dem Boden hockt, seine rumpelnden Eingeweide sortiert und die leeren Bierbecher beobachtet, die durch diese Urgewalt bewegt sanft vibrierend über die Erde tänzeln.

Dass die Musiker, die diesen Tsunami ohne Wasser erzeugen, nicht ins Publikum geblasen werden, verwundert. An ihren acht Verstärkertürmen, die wie Grabsteine aus der Bühne ragen und von hinten beleuchtet sind, kann es nicht liegen. Aber vielleicht löst das das Rätsel der Mönchskutten: Darunter müssen sie schwergewichtige Bleigürtel tragen, was auch ihre Zeitlupenbewegungen erklären würde, und um die Ohren wahrscheinlich High-End-Geräte der Hörgeräte-Akustik-Forschung.

Diedrich Diederichsen verlässt mitsamt seiner viel zu jungen und weiblichen Begleitung die Veranstaltung nach knapp vierzig Minuten. Da ist es für uns keine Schande fünf Minuten später durch eine wie betäubt glotzende und immer noch sitzende Menge von Lärmverseuchten eine Schneise zu schlagen und uns im benachbarten Biergarten ein alkoholisches Getränk zuzuführen. Das dumpf-böse Grollen ist von dort aus auch viel, viel besser zu ertragen.

3 Gedanken zu „Fleischwerdung des Schalls

  1. Musste grad entsetzt feststellen, dass Diedrich Diederichsen nur äußerst wenige Jahre mehr zählt denn meine Wenigkeit. Dachte eigentlich, der sei schon längst tot. Im übrigen: Geiles Händibild!

  2. Das Interessanteste habe ich in diesem Blog gefunden: Wie fanden Deine Kinder das Konzert?

  3. Habe da ein „nicht“ vergessen… Bitte einfügen, wenns jemand findet.

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