Kid-Cuts (1)

Nichts grausameres ist unter dieser Sonne, als (werdende) Jungväter, welche die Blogosphäre mit ihren Glücksäußerungen zuschmeißen. Nicht so hier. Denn wenn irgendwo auf dieser Welt noch Geld verdient wird, dann nicht bei Computerspielen oder Plasma-Fernsehern, sondern bei Kindern und all dem, was diese brauchen – oder auch nicht. Deshalb die „Kid-Cuts“ aus der munteren Warenwelt für Lebewesen, die in 20 Jahren für unsere Rente sorgen sollen.

Wahrscheinlich ist es ja ein alter Hut. Aber einer der ersten Härtetests in einer fortgeschrittenen Schwangerschaft ist die Frage nach dem Kinderwagen. Lässig haben wir die vor uns hergeschoben und so getan, als wäre das kein Problem. Ha! Weit gefehlt. Beim Geburtsvorbereitungskurs dann die erste Feindberührung, sprich andere Pärchen. Zuerst eine Kennenlernübung. Und es dauerte keine zehn Sekunden, da waren die Männer in ihrem Element: Kinderwagen und deren Leistungsfähigkeit. Wie beim Autoquartett in seligen Kindertagen warfen sie mit Features um sich – nur ohne PS-Zahlen. Hier eine präzise Gewichtsangabe, dort eine intime Materialanalyse samt Kompatibilitätskoeffizienten zu anderen Modellen und ABEC-Nummer für die Kugellagerqualität der Räder. Es war der Wahnsinn! Dann die Produktnamen und Preise! Mir schlackerten die Ohren. Sofort stellten sich Rabenvatergefühle und technische Minderwertigkeitskomplexe ein. Denn einziger Bezugspunkt war bislang ein Besuch auf dem Speicher, wo das Kinderwagenmonstrum gelagert war, in dem die Liebste selbst die ersten Monate verbracht hat. Fesch zwar das Ding, aber so unnavigierbar wie ein Schaufelradbagger.

cream of the crop - bugabooDann gestern: Internetrecherche. Irgendwie schwirrte ein alberner Fantasiename in unseren Köpfen herum: Bugaboo.  Als Celebrity-Kinderwagen schlechthin haben darin angeblich schon Madonna, Heidi Klum und Gwyneth Paltrow ihre Brut durch die Gegend gekarrt. Ein Freund erzählte von russischen Banden, die Autoscheiben einschlügen um just Kinderwägen dieser Marke zu erbeuten – das Auto aber links liegen, oder auch rechts stehen ließen. Die Website tiriliert in schönster Werberprosa: „Der Bugaboo Cameleon ist für Eltern gedacht, die keine Kompromisse eingehen wollen.“ Darf man auch nicht. Denn in seiner Designausführung kostet es auch satte 1500 Euro. Bei Ebay kommt die Standardvariante für 600 Euro unter den Hammer. Das Gerät ist ein Fetisch. Was wir da noch nicht wussten: Wir hatten die Büchse der Pandora geöffnet!

Denn beim folgenden Kurzspaziergang durch die Nachbarschaft wurden wir erschlagen vom Bugaboo-Durchsetzungskoeffizienten. Kaum einer, der nicht über ein solches Geschoss verfügte. Alle schoben sie ihre Schrazen in knallebunten Bugaboos herum. Schon nach kurzem schauten wir nicht mehr hin – und dann eben doch wieder, nur um einen neuen Bugaboo zu entdecken. Schon nach kurzem ein so seltsames wie widerliches Phänomen: Wir selbst – die Bugaboo-Nichtbesitzer, und überhaupt Garkeinen-Kinderwagen-Haber – schauten verächtlich auf Menschen herab, die nur einen Teutonia „3-Rad-Jogger Spirit X3″ besitzen. Ganz zu schweigen, von den armen Hunden, die nur ein Noname-Produkt ihr eigen nennen. Wir erkannten: Wir sind verloren. Heute nachmittag werden wir unser erstes Gebot auf Ebay für einen Bugaboo abgeben. Ohne ein solches Ding sind wir hier verloren. Es geht hier nicht mehr nur um einen Kinderwagen! Es geht schließlich um unser Ansehen. Ob ein Bugaboo für den Nachwuchs bequem ist? Wen interessiert das schon! 

2 Gedanken zu „Kid-Cuts (1)

  1. Hurra! Klammer eins bedeutet, dass wir noch viel von Dir hören werden in dieser Sache. Das ist gut.
    Schlecht hingegen, dass ihr schon jetzt einknickt vor dem Konsumterror, der euer Elternleben von nun an begleiten wird. Tut das nicht! Nehmt den alten Göppel vom Speicher und schiebt euren Balg mit quietschenden, eiernden Rädern zum Aldi. Gebt dem Winzling abgelegte Klamotten von früher geboren habender Verwandtschaft oder mitleidigen Bekannten. Verweigert von Anfang an das Kindergartenhändi, den mobilen Grundschulcomputer mit hochkomprimierter VDSL-Leitung, die 500-Euro-Teenie-Jeans von Freeman T. Porter und was da sonst noch kommen mag. Und schmeißt das junge Gemüse aus dem Haus, sobald es selbst Geld verdienen und zu eurer Rente beisteuern kann.
    Ganz genau so, wie es unsere Eltern gemacht haben.

  2. Pingback: Dia-Blog » Blog Archive » Googlehupf 2007.01-03

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