Neu im Regal (23)

Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinenHeinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen. Stuttgart (Theiss Verlag) 2011. 279 Seiten, gebunden, 19 Euro 90.

Der Mann hat Sinn fürs Versponnene und Dramatische: Ein Hund ist bei ihm kein einfacher Hund, sondern ein „melancholischer Quasi-Polizeihund” und Stuttgart 21 gar „das Vorhaben, eine Stadt zu ermorden”. Willkommen in der Welt des Schriftstellers Heinrich Steinfest, der für den in Aalen gegründeten Theiss-Verlag als Auftragsarbeit den Krimi zum Bahnhofsdrama geschrieben hat. Ein Krimi, der nur ein halber ist, sich nicht an regionalen Schrulligkeiten ergötzt und schon gar nicht seiner besonderen Spannung wegen erwähnenswert ist, sondern eine flammende Schrift gegen politische Arroganz und eine interessierte Gesellschaftsstudie bietet. Die Geschichte darin schlagt wild ins Fantastische und hat Science-Fiction-Qualitäten: Ein archäologischer Maschinenfund im Schlossgarten und ein Wissenschaftler, der das Relikt aus der Welt schaffen soll kommen darin vor, ein radikalisierter Wutbürger, der mit einem Präzisionsgewehr Fakten schaffen will und nicht zuletzt ein Kommissar, der widerwillig in seine alte Heimat Stuttgart geschickt wird und sich dort nicht nur bei alten Herren schlagender Burschenschaften unbeliebt macht. Alles da also, und für Steinfest-Kenner ein mit alten Bekannten gespicktes, im gewohnt-genüsslichen Zerfaserungsstil dargebotenes Panoptikum großer Geistesblitze und kleiner, wunderhübsch verpackter Gemeinheiten. Vor allem aber ist das eine brutale und brutal eindeutige Stellungnahme gegen die Stuttgart-21-Betreiber, denen Steinfest ganz offen die Adjektive im Parteinamen abspricht.

Weitere Infos: www.wo-die-loewen-weinen.de

Heinrich Steinfest

Heinrich Steinfest

Kurz nachgefragt: Heinrich Steinfest
Dia-Blog: Stuttgarts Bürger machen bei Ihnen einen „virusbedingte Metamorphose” durch, sie fordern gar die Einführung der Demokratie. Wann ist die verloren gegangen?
Heinrich Steinfest: Als man begann, den Begriff des Repräsentativen mit dem Begriff des Repräsentierens zu verwechseln. Politik sollte nicht darin bestehen, sich im Eröffnen von Bauwerken zu gefallen, sondern deren Sinnhaftigkeit zu bemessen. Nicht einer Fraktion, nicht einer Lobby verpflichtet zu sein, sondern einer objektiven Bewertung. Weniger ein Gefälligkeitsgutachten in Auftrag zu geben, als ein ernstzunehmendes allen Ernstes auch zu lesen.

DB: Eines Ihrer Markenzeichen ist das virtuose Spiel mit Zeichen und Symbolen. „Im Symbol verdichtet sich die Welt zur göttlichen Geste”, schreiben Sie jetzt. Und Gott taucht sehr oft auf – als Instanz von Moral, Charakter und Anstand. Sind das Eigenschaften, die in der Politik verloren gegangen sind?
HS: Ist es nicht erstaunlich, daß gerade selbsternannte christliche Politiker nicht an Gott zu glauben scheinen? Zumindest wenn man sich Gott aufmerksam und wachsam vorstellt, und intelligent genug, einen dummen kleinen Trick zu durchschauen, unser virulentes Schlawinertum. Etwa, indem man ein Notbewilligungsrecht für einen Aktiendeal missbraucht.

DB: In ihren bisherigen Büchern war ja schon immer viel Ekel vor modernen Kultur- und Gesellschaftsgeschmacklosigkeiten drin. Die Entkopplung von Staat und Bürger bei S21 scheint Ihnen aber die Galle wirklich hochzutreiben. Was kann ein Roman zu dem Thema überhaupt ausrichten?
HS: Der Sinn eines Romans ist es, eine Geschichte zu erzählen, die von anderen gelesen wird. Die etwas beim Leser auslöst: Einverständnis, Ablehnung, Freude, Trauer, Irritation, Langeweile, Durst – na, und manchmal ist der Leser nach der letzten Seite ein wenig ein anderer Mensch. Kommt vor, muss aber nicht sein.

[Rezension und Interview wurden zuerst veröffentlicht in „XAVER – Das Stadtmagazin der Region Ostwürttemberg“]

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