Tonia: Bitte melde dich!

Ältere Leser dieser Postille fühlten sich bei der heurigen Vorstellung des Hollemannschen Blogwichtelns vielleicht daran erinnert, dass wir letztes Jahr eine unschöne Begegnung mit Burdawichten hatten. Nicht zuletzt deshalb kam bei mir gleich so ein komisches Déjà-vu-Gefühl auf, als folgender Kommentar eintrudelte:

Hallo,
ich wichtel meistens zu Weihnachten,
aber Blogwichteln ist ja mal eine gute Idee.

Unterschrieben war dies von jemand, der sich „SMS Chat“ nannte, auf eine dementsprechende Webseite (smser.de) verlinkte und eine scheinbar private E-Mail-Adresse angab, die mit „Tonia“ begann. Normalerweise schmeiße ich so etwas gleich in den Spamfilter, war diesmal aber einfach neugierig, was passieren würde, wenn ich auf die Mail antworte. Ich schrieb also an die angegebene E-Mail-Adresse zurück:

Hallo Tonia###,
schönen Dank für deinen Kommentar in http://www.dia-blog.de/?p=835. Dazu habe ich aber noch eine Frage: Ist www.smser.de deine private Webseite oder versuchst du dich gerade in Blogspam? Letzteres würde ich unterlassen, das gibt keine gute Presse. Sollte ersteres der Fall sein, dann melde dich doch kurz zurück, damit ich den Kommentar freischalten kann.
Schöne Grüße, Uli

Als daraufhin keine Antwort kam, schaltete ich den Kommentar am nächsten Tag frei, löschte aber den Linkspam und kommentierte das ganze etwas sarkastisch. Kurz darauf erhielt ich folgende Mail:

Guten morgen Uli,
also das ist meine Seite und nichts anderes.
Also würde mich freuen, wenn du meinen Kommentar freischalten tust.
Danke,
MFG
Tonia.

Jetzt war ich wirklich überrascht. Sollte Tonia doch echt sein, keine kommerziellen Interessen verfolgen und lediglich einen freundlichen Wichtel-Kommentar abgegeben haben wollen? Hatte ich ihr bitter Unrecht getan? Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und machte mich auf die Suche nach Tonia.

Ihre Startseite smser.de weist zwar dieselben Rechtschreibschwächen wie meine E-Mail-Schreiberin auf, sieht andererseits aber doch eher berufsmäßig aus. „Sitzen auch Sie manchmal abends alleine auf dem Sofa und denken daran, wie schön es jetzt wäre jemanden bei sich zu haben?“, werde ich dort gefragt und freundlich auf den „Eingang zum SMS Chat“ hingewiesen.

Offenbar kann man hier mit anderen einsamen Menschen freundliche SMS-Nachrichten mit dem Handy austauschen. Vielleicht ist auch Tonia einsam und daher hier zu finden? Ich überwinde meine natürliche Scheu vor SMSen und klicke mutig auf den „Eingang“.

sechsmal Tonia

Leider heißt keine der sechs Damen Tonia, aber vielleicht verwendet sie ein Pseudonym. Schließlich tummeln sich im Internet die seltsamsten Gestalten, die einem ans Leder oder an den Geldbeutel wollen – da muss man vorsichtig sein. Ich klicke auf das Bild, das mir am ehesten nach Tonia aussieht. Hier nennt sie sich Ariane und ich finde, dass das Foto ein bisschen unglücklich geraten ist, weil die Kleidung just in dem Moment verrutscht sein muss, als der Fotograf abdrückte. Auch der Text, mit dem sie sich vorstellt, bringt mich etwas durcheinander:

Hallo Leute, ich bin ein international gebuchtes Model, und nebenbei versuche ich meine Kariere als Sängerin ein bisschen zu pushen, bin jetzt auf der Suche, nach dem passendem Mann, wie schaut es aus?

Das soll meine Tonia sein? Orthografisch schon – aber sonst? Erst will sie an Weihnachten wichteln und jetzt ist sie eine modelnde Sängerin, die einen Mann sucht. Singt sie Weihnachtslieder in der Kirche? Modelt sie auf Wichtelkongressen? Oder ist es am Ende gar nicht Tonia?

Vielleicht, erinnere ich mich gewitzt an meine rudimentären Jurakenntnisse, sollte ich ins Impressum schauen. Schließlich muss dort ihr Name stehen, wenn ihr die Seite gehört. Das tut sie anscheinend nicht, denn der Besitzer ist eine Firma namens CG Business, deren Geschäfte wiederum zwei Typen namens Rainer und Tim zu führen scheinen. Möglicherweise – so meine Überlegung – arbeitet Tonia dort als Sekretärin oder an anderer verantwortlicher Position? Da auch diese Firma eine Webadresse hat, gebe ich diese dem Browser zu bedenken.

Sekretaerin Tonia

Ja, das könnte Tonia sein, finde ich. Dem Bild entströmt genau die selbe Freundlichkeit wie ihren Mails. Also analysiere ich flugs die Seite. Das geht schnell, denn unter dem Bild der telefonierenden Tonia steht nur lapidar:

Die CG Business GmbH ist ein Unternehmen im Bereich der mobilen Mehrwertdienste.
Diese Seite wird überarbeitet.

Das war’s schon? Nein! Ganz oben, im Seitentitel des Browsers heißt es: „Sekretärin gesucht …“. WTF? Kaum habe ich Tonia gefunden, schon hat sie wieder gekündigt. Oder ist sie gar nicht die Sekretärin? Gehört ihr vielleicht das ganze Unternehmen und Rainer und Tim sind nur ihre geschäftsführenden Strohmänner?

Ich scrolle die Seite einen endlosen roten Balken entlang nach unten und finde dort neben einem weiteren Impressum einen Besucherzähler mit dm Stand 360. Das ist ja mal lustig, denke ich, klicke auf die Zahl und lande … in einer virtuellen Pokerschule! Die wiederum eröffnet erst am Nikolaustag, was zwar Tonia Im pressum irgendwie wichtelig klingt – aber von Tonia: Keine Spur. Und auch kein Impressum. Gehe ich eben zurück zur Sekretärinnenseite. Der Impressum-Link führt hier auf eine neue Seite namens sims-chat.de, aber mit eben dem Impressum, das ich schon kenne: Die Geschäftsführer heißen Rainer und Tim und außerdem gibt es einen Jugendschutzbeauftragten namens Stefan mit der lustigen E-Mail-Adresse smuddel@web.de.

Jugendschutzbeauftragter? Sollte Tonia noch nicht volljährig sein und Ärger gekriegt haben, weil sie kinderarbeitsmäßig als Sekretärin unterwegs war? Oder ist Stefan so etwas wie ein Verwalter von Tonias Reichtümern, weil sie noch nicht geschäftsfähig ist? Fragen über Fragen, auf die nur Tonia selbst die Antwort kennt.

Hallo Tonia,

jetzt habe ich Deinen Kommentar schon freigeschaltet, bevor du geantwortet hast, und ihn dann aber auch noch kommentiert. Ich hoffe, du bist nicht böse, aber für mich sah das so aus, als ob du im Auftrag von irgendeiner Firma handelst.

Vorsichtshalber habe ich nochmal nachgeguckt, aber im Impressum der Seite steht auch nichts von dir, sondern von einer Firma cg-business in Flensburg. Das fand ich jetzt komisch und daher habe ich noch bei DENIC nachgeschaut, wem die Seite wirklich gehört. Aber auch da fand ich keine Tonia, sondern einen Rainer Clausen.

Inwiefern ist das nun deine Seite? Habe ich was übersehen?

Neugierig: Uli

Verwirrt blättere ich weiter, bis ich auf etwas Handfestes stoße: die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Vielleicht können sie Licht ins Dunkel bringen? Aber am Anfang steht erst mal langweiliges juristisches Gedöns wie „Pro von Ihrem Handy versandte SMS enstehen Kosten von 1,99 EUR/SMS“ und dergleichen mehr. Erst nach Punkt sechs wird es spannend:

7. Der Teilnehmer erkennt an, dass sich im System Männer als Frauen und Frauen als Männer ausgeben können.

Huch. Dann ist Tonia vielleicht ein Mann, der sich als Frau ausgibt? Heißt am Ende Anton und kommt aus Tirol? Mir läuft ein leiser Schauer über den Rücken.

8. Weiter erkennt der Teilnehmer an, dass alle Teilnehmer unter mehreren Identitäten das System nutzen können.

Wie jetzt? Tonia könnte nicht nur jemand anderes sein, sondern sogar multipel? Ariane und Sophie und Giulia und Monique und Bibi und Marie Anne in einer Person? Aber warum nur? Ist sie krank? Braucht sie Hilfe? Meine Handrückenhaare stellen sich auf. Ich werde nervös, lese aber erstmal weiter.

9. Punkte 7 und 8 gelten auch für Teilnehmer, die von der CG Business GmbH zu Ihrer Unterhaltung gestellt und bezahlt werden.

Äh … Moment mal … „Teilnehmer, die von der CG Business GmbH zu Ihrer Unterhaltung gestellt und bezahlt werden“? Das verstehe ich nicht. Ich dachte, da tun Leute per SMS chatten, die sich kennenlernen möchten. Und jetzt soll es welche geben, die dafür bezahlt werden? Das heißt, die CG Business GmbH gibt Geld dafür aus, dass sich die Leute kennenlernen? Aber womit verdienen die dann ihr Geld? Hm. Wird das weiter unten erklärt?

13. In diesem Chat setzt die CG Business GmbH Betreuer/innen ein, die unter mehreren Identitäten Dialoge führen können. Im System sind diese nicht besonders gekennzeichnet. Ein Dialogpartner kann also ein/e Betreuer/in sein, der sich unter anderen Identität im System befinden kann.

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Es gibt auch noch Betreuer? Und /innen? Die anders heißen und sind als sie tun? Dann ist Bibi vielleicht gar nicht Tonia, sondern ein Rainer oder ein Tim oder ein Stefan, der gleichzeitig auch noch so tut, als sei er Ariane oder Monique. Und er kriegt dafür Geld von der CG Business GmbH. Aber warum nur?

Mittlerweile sind auch die sechs Original-Damen von der Bildfläche verschwunden. Stattdessen haben sich Pink Lady, Franziska, Green Eye, Dana, Gina und Sehnsucht auf meinem Monitor breitgemacht.

nochmal sechs Tonias

So langsam mache ich mir Sorgen um Tonia. Weiß sie eigentlich, was da in ihrer Firma passiert? Dass sich Rainer alias Pink Lady und Stefan alias Bibi mit Tim alias Sehnsucht auf ihre Kosten per SMS zuchatten? Das muss doch Unsummen kosten! Ich würde es ihr gerne sagen.

Aber Tonia antwortet nicht mehr.

Tonia: Bitte melde dich!

8 Gedanken zu „Tonia: Bitte melde dich!

  1. Es ist wirklich eine Pest mit diesen sinnlosen Stating-the-Obvious-Kommentaren. Bestimmt gibt’s irgendwo Seminare für Viralmarketing und Pagerankhurerei, in denen das als Taktik zum leichten Geldverdienen vermittelt wird. Solche Kommentare landen bei mir mittlerweile direkt im Spam. Ein Argument mehr für die Moderationsschleife! Ich schreib demnächst vielleicht mal was im Craplog darüber.

  2. Ich habe auch schon 2-3 mal versucht die Webseiten und Firmengeflechte nachzuverfolgen und es ist erschreckend, welcher Abschaum sich dahinter verbirgt.

    Uli, sehr geil geschrieben, das Dings hier.

    @maloXP: Ich hatte mir das auch schon mal überlegt ;) Hab glaub ich auch noch 2-3 Adressen, die ich mal dafür gespeichert habe.

  3. Das Schlimme ist ja, daß man diesen Unternehmen kaum beikommen kann. Man kann sie zwar löschen, aber Spamschutz-Plugins helfen kaum, so daß man immer nur hinterherläuft. Eine grundsätzliche Moderation ist für mich aber keine Alternative. Viel eher überlege ich, die Kommentare wieder mit dem nofollow-Tag zu versehen, um wenigstens nicht als Google-Futter zu dienen.

  4. @ hollemann: Ja gut, aber damit verhinderst Du ja nicht, dass sich normale Menschen auf die Seite verirren. WordPressens Moderationssystem kann man immerhin so einstellen, dass ein Kommentator, der einmal zugelassen worden ist, zukünftig nicht mehr durch die Schleife muss. Dafür hagelt es zwar auch mal harsche Kritik, aber als Schutz gegen solche Heinis taugt’s.

  5. Sehe ich auch so. Mit dem Spam habe ich eigentlich auch kein größeres Problem (mehr). Das war für mich eher der Aufhänger für die Geschichte. Denn viel beeindruckter war ich von den Freundchen, die diesen „SMS Chat“ betreiben.
    Also ich hätte ja Angst, mit solchen AGBs durchs Land zu ziehen. Da kommen bestimmt gleich wieder irgendwelche dahergelaufenen Verbraucherschützer, die von unlauteren Machenschaften reden oder gar „Betrug!“ schreien. Dabei ist das doch ganz seriöse Unterhaltung. Wie „Wetten, dass …“ oder so.

  6. @maloXP: Klar kommen die Leute noch, aber sie kommentieren halt weniger. Ich kann ja nicht ständig meine Moderationsliste überwachen, und wenn ein Kommentar nach drei Stunden noch nicht veröffentlicht ist, ist das für meinen Geschmack zu lange.
    @uli: Mich wundert das, ehrlich gesagt, nicht so sehr. So lange man denen rechtlich nichts kann, ist es ihnen doch egal, was die Leute schreien. Hauptsache, es verirren sich noch Leute auf die Seite und die Kohle fließt. Und leider ist dem wohl so.

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