
Archiv für die Kategorie „Diaspora“
Kid-Cuts (45) – Generationen im Dialog
Montag, 21. November 201111.11.11, 11 Uhr 11
Freitag, 11. November 2011
Das Schwäbische Tagblatt in Tübingen hatte die Idee zu einem schönen Projekt. Es rief alle Leserinnen und Leser dazu auf, heute, am 11.11.2011 Punkt 11 Uhr 11 auf den Auslöser ihrer Kamera zu drücken und das Bild ihrer Wahl einzuschicken. Diese kollektive Momentaufnahme eines besonderen Datums wird auf einer eigenen Webseite dargestellt und später sogar wissenschaftlich ausgewertet. Mein völlig unorigineller Beitrag: Ein Knipser aus dem Fenster.

Das Letz nas zum sechsten Mal
Dienstag, 4. Oktober 2011… und zum ersten zweiten Mal wurden wir gefilmt. Helmut Bachschuster stellte das Schnipselchen zur Verfügung und dank Jo und Murmeltier-Phil habe ich sogar geschafft, das ganze wenigstens ins WMV-Format zu bringen. Hier könnt ihr uns iPad-Gitarre und iPhone-Piano spielen sehen und hören: Viel Spaß!
Update: Darüber hinaus hat Helmut ein paar Bilder gemacht, die uns die Zeit bis zur offiziellen Chronik vertreiben helfen, die von Eldersign mit unfassbarem technischen Aufwand realisiert werden wird (oha, da gibt es ja auch schon Bilder! Egal. Hier von links nach rechts und oben nach unten Wolfgang, Uli, Frauke, Martha, Markus, Roman):






POM Fritz mit Catchup
Dienstag, 4. Oktober 2011Die Älteren unter euch werden sich an die Serie von Verbrechen erinnern, die sich um uns herum zutrugen, denn ich berichtete jeweils kurz über den gemeinen Diebstahl, den bösen Einbruch sowie den mysteriösen Kriminalfall, der unser kleines Städtchen erschütterte. Für die vorgestern stattgefunden habende Bloglesung “Das Letz niest” habe ich die Vorfälle noch einmal zusammengefasst:
Man meint ja, auf dem Land gebe es keine Kriminalität. Und wenn, dann handele es sich um Hühnerdiebstahl. Oder Kirmesschlägereien. Oder Wilderei.
Schön wär’s. Seit wir in die kleine Stadt am Fuße der Schwäbischen Alb gezogen waren, hatten wir kurz hintereinander dreimal in die hässliche Fratze des Verbrechens blicken müssen.
So wurde uns im Herbst 2006 ein kompletter Birnbaum entwendet. – Gut, der Baum war alt und abgängig und trug seit Jahren kein Obst mehr. Dennoch: Die traurige Lücke, die wir bei Entdeckung dieser Untat in die makellose, wie an der Schnur gezogenen Reihe unserer elf Streuobstwiesenbäume gerissen fanden, tat weh. Später erfuhren wir, dass die Tat einem fehlgeleiteten Totholzsammler zuzuschreiben war und erhielten überraschenden Ersatz für das verschwundene Gewächs, aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Wenig später entwendeten ruchlose Gesellen aus meiner Werkstatt – die zugegebenermaßen nicht abgeschlossen war, aber das war sie die letzten 50 Jahre auch nicht – entwendeten gemeine Diebe also einen Schraubenzieher sowie ein Stemmeisen. Diese Werkzeuge nahmen sie nicht einfach mit, sondern nutzten sie dazu, in der benachbarten Gärtnerei einzubrechen, wobei das eigentlich Interessante daran der Umstand war, dass meine Werkstatt hinterher abgeschlossen war, obwohl es dafür gar keinen Schlüssel gibt – aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte.
Die damaligen Ermittlungen leitete ein junger Polizeiobermeister mit Nachnamen Fritz. Dieser stürzte sich mit Eifer auf den kniffligen Fall, biss sich jedoch letztlich die Zähne an den Hürden der Polizeibürokratie aus, die ihm nach zweiwöchigen intensiven Fallanalysen keine weitere Ermittlungszeit zubilligen mochte.
“Dees isch a Riesasauerei”, erklärte er mir einige Abende später im Bierstadel, einer Restauration, in der er oft anzutreffen war – nicht, weil er dem Alkohol zugetan, sondern vielmehr in der steten, aber vergeblichen Hoffnung war, im dort sich tummelnden Volk den einen oder anderen Verbrecher auszumachen, den er von Fahndungsplakaten herunter auswendig gelernt hatte.
“A Riesasauerei”, betonte er mehrfach, “weil i di Burscha auf jeden Fall gschnappt hett, wenn i di Sonderkommissio hett eirichta dirfa. Abr di Birodroddl …” Er senkte die Stimme. “Die Birodroddl hen doch koi Ahnung, was mir do drausa laischda misset. Und no hoists: ‘Wägen eines Diebesgutes von 23 Eiro 17 kennen wir doch kaine Sonderkommission einrichta.’ Ja Scheißdrägg abr au! – A Porzio Pommfritz!” Letzterer Satz war natürlich in Richtung Küche gerufen und ich musste mir ein Grinsen verkneifen, weil dem Guten offensichtlich noch niemand gesagt hatte, dass die Abkürzung seiner Berufsbezeichnung “Polizeiobermeister” – also POM – in Verbindung mit seinem Nachnamen Fritz eben jene soeben bestellte Speise ergab: Pomm Frites.
Am nächsten Tag war ich froh, ihn diesbezüglich nicht aufgeklärt zu haben, denn wir benötigten erneut POM Fritzens Hilfe. Auch diesmal: ein Diebstahl.
Dazu muss ich etwas ausholen. Unser ein knappes Jahr zuvor geborenes Kind hatte unseren gewohnten Tagesablauf empfindlich in Unordnung gebracht. Damit war zu rechnen, denn wir hatten uns vorab informiert. Aber spezielle Details in der Lebensgestaltung der Spezies Baby werden in der Literatur systematisch ausgeblendet. Eines davon ist das Thema Ausscheidung.
Uns der Nachhaltigkeit verpflichtete Ökoschrotmüslis war von vornherein klar, dass Plastikwindeln auf gar keinen Fall in die Mülltüte kämen. Jeder pampersverpackte Säugling produziert im Laufe seiner Trockenlegung einen Müllberg von einer halben Tonne. Stoffwindeln waren die angesagte Alternative und zum guten Glück gab es vor Ort sogar einen Windelservice, der von einer sozialen Einrichtung betrieben wurde. Perfekt.
Tatsächlich hält sich die Sauerei nämlich in Grenzen, legt man zwischen Babypopo und Windel ein Trennblatt, das von grober Darmwurst über schlanke Böbbele bis hin zu feinster Flitzkacke alles geschickt absorbiert. So bleibt die Windel im großen und ganzen scheißfrei, der restliche, gelbflüssige Ausscheidungsanteil versickert tief im windeligen Baumwollstoff.
Da der Windeldienst einmal wöchentlich die Altlast abholte und gleichzeitig frischen Stoff anlieferte, wurde das kontaminierte Material in einer handelsüblichen Plastiktonne mit einem Sicherheitsbügel zwischengelagert. Diese Tonne stellten wir an Mittwochen morgens an die Straße und irgendwann zwischen zehn und zwölf kam der Zivi vorbei und tauschte die Tonnen aus. Bis auf jenen warmen Februarmorgen, an dem der junge Mann sein Busle verließ und ganz gegen seine Gewohnheit zur Tür kam und klingelte.
“Henn sie vergessa, die Tonne nauszumstella?”, fragte er.
“Nein”, sagte meine Frau.
“Do isch aber koine”, sagte der Zivi.
“Dann ist sie weg”, sagte meine Frau.
“Aber wer klaut denn verschissene Windla?”, fragte der Zivi.
Exakt die gleichen Worte wählte auch der POM Fritz, als ich ihm die Sache vortrug, denn wir hatten nicht vor, den unfassbaren Diebstahl einfach hinzunehmen.
“Aber wer klaut denn verschissene Windla?”, fragte der POM Fritz.
“Ich weiß es nicht”, erwiderte ich fröhlich, denn an dieser Stelle konnte ich ein Wortspiel unterbringen, auf das ich mächtig stolz war: “Ich weiß es nicht, aber diese Tat war mit Sicherheit eine ruchlose.” Brüller, oder?
Der POM Fritz war ins Grübeln geraten.
“Hennt Sie jemand gsäa?”
“Nein.”
“Hennt Ihre Nochbra jemand gsäa?”
“Das weiß ich nicht.”
“No gang i mol ermittla.”
POM Fritz setzte seine Dienstmütze auf, drehte das Schild an der Polizeidienststellentür um, auf dem “In dienstlicher Mission unterwegs” geschrieben stand und pfiff dem Hund, der wirklich und wahrhaftig “Kätschap” gerufen wurde. Das Tier war nämlich ein englischer Deutscher Schäferhund und sein Name kam von “to catch up”, was ja soviel heißt wie “aufholen, einholen”, mithin eine originäre Polizeidiensthundaufgabe.
POM Fritz und Catchup befragten die einzigen Zeugen des Straßengeschehens, nämlich das Rentnerehepaar schräg gegenüber, das seinen Stammplatz am Fenster nur zu Toilettengängen oder Schlafzwecken verließ. Indes war der Erfolg des Interviews schmal, wie er mir anschließend berichtete:
“Die henn gsäa, dass d Müllabfuhr do war, dr Boschtler, dr Gasmann und dr Gedränkehendler. Dr Pfarrer hod an Hausbsuch gmacht, dr Sportvarai hots Altbabier g’hoolt und dr Oberbirgermaischder war bei Eschingers näbenaan wägem Einanoinzigschda ond dees sei doch a Sauarei, bei ihnen täte där blos an graden Jubeltagen kommen. Der Nachbor schreg driba häbe wieder falsch geparkt und sain Hond häbe bei ihnen in den Garten gmacht. Bloß: wann – was – war – do drüber henn se sich so verschrdridda, dass se jez gar nix mee saged. Aber …”
POM Fritz legte eine bedeutungsschwangere Pause ein.
“Ja?”
“… i han a Theorie.”
“Und zwar?”
“Dr Schörlogg Haums hot amol gsagt: ‘Mein Nachdenken beginnt immer mit der Annahme, dass das, was ibrigbleibt, wenn Sie alles andere, was unmeglich ischd, ausgeschlossen haben, so unfassbar es einem auch erscheint, die Wahrheit sein muss.’”
“Klingt plausibel.”
„Wenden wir also die so genannte Eliminationsmethode an.
D Millabfuhr kommt am Donnerschdag. Heit isch Mittwoch. Domit ischd Millabfuhr klihn.”
“Einwandfrei.”
“Dr Boschdler kommd enteder vor zehne oder nach zwölfe, weil er dazwischa beim Küfer hoggt und Zwetschgaschnaps brobiert. Dieses Alibi isch sozusagen verbrieft.”
“Stimmt.”
“Beim Gasmann wois i, dass der graad wäga sainer faina Noos eigschdellt worda isch, damitr Gaslecks schnell findet. Der kann omeglich a verschissene Windeltonne klaut han. Oomeeglich.”
“Wenn Sie es sagen.”
“Jez zum Gedränkehendler. Des isch da gröschde Entaklemmer weit und breit. Der hot sain Laschdwaga immer überlada und sogar im Führerhaus no a Fässle Moschd. Der hett gar koin Blatz fir Windla.”
“Exzellent.”
“Dr Pfarrer. – Jo, den han i aigentlich am maischda im Verdacht g’het. Weil der doch sälber fünf Kinder hot, und die Drilling no im Saiglingsalder. Aber i han erfahra, dass der Hausbesuch beim alda Nill war. Und der beigt dem Pfarrer sai Fahrrad immer so voll mit Obschd ond Gmies, dass der niemols a Windeltonne mitnehma kenna hett.”
“Jetzt wird’s aber eng mit den Verdächtigen.”
“Schdemmt. Dr Sportvarai hots Altbabier wie immer am Samschdich g’hoolt.”
“Genau. Da war ich im Garten.”
“Dr aangäblich falschparkende Nochbor isch ledsches Johr wegzoga und sain scheißverdächtiger Hund isch scho vor drei Johr gschdorba.”
“Richtig. Aber wer bleibt denn dann noch übrig?”
“Dr Oberbirgermaischder. Wie Schörlogg Haums sagt: ‘Das, was ibrigbleibt, wenn Sie alles andere, was unmeglich ischd, ausgeschlossen haben, das muss die Wahrheit sein, so unfassbar es einem auch erscheint.’”
„Aber – das Motiv?“
„Windelfetischismus? Wahlkampfmadrial? Wer wois scho, was im Kopf von so ma Bolidiger rumgoht.“
Er wickelte sich die Hundeleine fester um die Hand und räusperte sich:
“I gang dann mol aufs Rathaus. I glaub, do gibt’s bald a Versetzung.”
Versetzt wurde dann allerdings der POM Fritz. Mit Catchup.
Hilfe!
Dienstag, 4. Oktober 2011Ich habe ein AVI-Video mit 233 MB Umfang, von dem ich nur einen kleinen Teil benötige, und möchte es anschließend so komprimiert und abspielbar wie möglich hier posten. Da gibt es bestimmt freie Software und Dingens dazu, die mir dabei helfen können. Wer weiß Rat? Wenn’s gelingt, kriegt ihr dafür ein Video unserer iPad/iPhone-Musikperformance beim letzten Letzniest vor den Latz geknallt.
Letznieserneuigkeiten
Freitag, 30. September 2011Bevor am Sonntag das Letz wieder niest, hier ein paar News von Ex-Niesenden:
Meter Mütze, der zusammen mit Esteban von Spanien beim dln5 als Mischgemuese für heitere Verstörung sorgte, wurde jetzt zum 19. “open mike” der Literaturwerkstatt Berlin am 5./6. November eingeladen. Das “open mike” gilt neben dem Bachmann-Preis als wichtigster Wettbewerb für deutschsprachige Literatur-Neuentdeckungen und führt in seiner Preisträgerliste Namen wie Julia Franck, Jochen Schmidt oder Tilman Rammstedt. Meter, wir sind stolz auf dich!
Unser Lieblings- und Dauergast Jan-Uwe Fitz (dln1, dln5) alias @vergraemer veröffentlicht just heute sein neuestes Werk, das E-Book “Vergraemungen. @vergraemers seltsamste Tweets”. Darin findet sich “eine aus mehr als dreitausend Tweets emergierende Gedankenwelt irgendwo zwischen Franz Kafka und Monty Python”. Praktischerweise chronologisch, aber auch in Sachgruppen wie “Sozialphobie” oder “devote Aggression” organisiert. Verfügbar für iPhone, iPad, iPod touch und sogar normale Computer. Der Preis: 2,99 Euro. Hier zu kaufen.
Fabian Neidhardt, Blogger, Twitterer, Free Hugger, Poetry Slammer, Sprecher, Botschafter des Lächelns und im Oktober 2010 auch dln3-Nieser, gewann den 3. Twitter-Lyrik-Wettbewerb von BoD und literaturcafe.de. Auf letzterer Webseite findet sich auch ein Interview mit Faby, in dem er unter anderem über sein neuestes Projekt “Straßenpoesie” erzählt.
Update
Hier noch eine ennomanische Kurzrezension des letzten Vergraemerwerkes “Entschuldigen Sie meine Störung”:
Das Letz niest zum sechsten Mal
Montag, 26. September 2011
Ja, richtig, zum sechsten Mal. Hätten wir auch nicht gedacht, damals, als wir uns in den Kopf gesetzt hatten, eine Bloglesung ins verschlafene Unistädtchen zu holen und plötzlich vor 50 Leuten saßen, die das tatsächlich hören wollten. Als wir dann lernen mussten, dass man solche Veranstaltungen weder im Hochsommer, noch außerhalb der Stadtmauern anbieten sollte. Und schließlich unsere Heimat im Zimmertheater fanden, wo nicht nur wir uns wohlfühlen, sondern auch unsere Lesenden sowie das werte und wachsende Publikum. Die sechste Niesung steht vor der Tür und wir wollen euch nicht unvorbereitet lassen. Folgendes erwartet uns:
Witze über Namen sind ja bekanntlich verboten. Aber bei Markus Seefried schlägt die Onomatopoesie fest zu: Er fand seinen Frieden am (Boden-)See, denn das ist dort, wie er selbst schreibt “wo andere Leute Urlaub machen”. Sonst schreibt er nicht viel über sich, sondern eher zu zusammengehörigen Themen wie Vorurteile, Schlafen, Baumarktsucht, Slayer oder auch Abgänge. Auf seine eigene Art eben. Er tut dies twitternd als @herrpunkt und bloggend in seinem dauerrenovierten Argwohnheim. Markus ist der mit Abstand meisteingeladene Gast bei unserer Lesereihe. Fünfmal war er um keine Gründe verlegen, uns einen Korb zu geben, diesmal haben wir ihn unausgeschlafen erwischt und werden nun endlich auch den unteren Teil seines Gesichts kennen lernen.
Es gibt Twitterer, bei denen sitzt jeder Tweet. Da sind keine Albernheiten zu finden, keine Linkorgien, kein Katzencontent und keine endlosen Dialoge mit anderen Twitterern. Nur -zack- ein knackiger Tweet -zack- am anderen. Nirgends Luft, nichts wackelt, alles passt. Davon gibt es nur wenige in Deutschland. Roman Held ist einer davon. Als @hoch21 haut er uns schwarze, böse Gedanken, aber auch Alltagsphilosophisches um die Ohren, dass es nur so knallt.
Steckt dahinter vielleicht sogar ein tieferer Sinn?
“Es mag bisweilen vielleicht den Anschein haben, ich würde einfach beliebige Zoten in die Timeline werfen. Doch ich folge durchaus einer etwas abgedrehten Agenda. Ich mag Tweets, die ein bisschen manipulativ zum Guten oder Tiefgründigen sind und gebe mir Mühe, gelegentlich solche zu schreiben. Das gelingt mir mal besser und mal schlechter. Es geht mir nicht um die Favs, sondern um Brückenschläge zwischen Perspektiven und gemeinsame Nenner.”
erklärt Roman Held dazu auf Formspring, wo man mehr über den Essener erfährt. Oder über seine “Lesestunde“, die aus einem Tweet entstand, der eine ungeahnte Eigendynamik entwickelte. Die Tweethintergrundplattform 140 Sekunden widmete ihm kürzlich einen eigenen, sehenswerten Beitrag dazu.
Übrigens: Roman bloggt auch.
Im Gegensatz zu Martha und Frauke, denn die bloggen gar nicht. Dafür haben sie ein anderes Netzphänomen am eigenen Leib erlebt: einen Youtube-Hype. Grund genug für uns, sie einzuladen, damit sie uns etwas erzählen über das hügelige Tübingen, das ihnen in letzter Zeit des öfteren den Schlaf geraubt hat, sie durch Presseredaktionen jagte und vor Fernsehkameras stellte. Wer das Video unfassbarerweise noch nicht gesehen hat, der kann das jetzt und hier nachholen:
Karten gibt’s übrigens bei Reservix oder bei konzertkasse.de. Oder einfach direkt beim Zimmertheater reservieren: 07071/92730.
PS: Fabian Neidhardt, der beim dritten Letzniest ganz ohne Papier auftrat, macht jetzt auch Straßenpoesie.
El secdleto de la tlompeta
Mittwoch, 27. Juli 2011Javier Fessers Kurzfilm durfte ich gestern abend im grandiosen Werkstattkino von Michael Kromer in Oberhausen sehen. Wer 18 Minuten Zeit hat: reinziehen!
Liebes Unwetter!
Freitag, 8. Juli 2011Besten Dank für deinen gestrigen Besuch und dass du das schräggeflügelte Fenster dazu benutzt hast, meinen Schreibtisch unter Wasser zu setzen. Hübsche Muster sind das, die Maus, Kaffeetasse, Locher und Radiergummi hinterlassen haben. Am besten aber gefällt mir, wie du mein ausgeklügeltes analoges Erinnerungssystem außer Kraft gesetzt hast. Was in meiner Zettelwirtschaft nun nicht mehr zu lesen ist, hat es auch nicht verdient, erledigt zu werden.

Liebe Kunden, Freunde, Verwandte und andere, die auf irgend etwas warten, was ich dringend erledigen wollte: Ich kriege gleich einen Fön!
Radaralag
Montag, 27. Juni 2011Vorbemerkung: Ich gebe zu, die folgende Geschichte wurde extra für “Das Letz niest V” geschrieben. Das merkt man daran, dass sie nur vorgelesen richtig gut funktioniert.
Wer wie ich auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen ist, der weiß, wie aufreibend die Suche nach einem Ferienjob sein kann. Das liegt nicht daran, dass es dort keine Arbeitsplätze gäbe oder in den Sommerferien die Bürgersteige hochgeklappt würden. Sondern hauptsächlich an Sprachschwierigkeiten.
Je weiter man sich nämlich vom eigenen Ort entfernt, umso größer werden die Hürden. Aber auch schon wenige Kilometer können tiefe sprachliche Gräben aufreißen. Der große Dialektforscher Arno Ruoff wies nach, dass Dialektgrenzen sogar zwischen nebeneinanderliegenden Dörfern verlaufen können.
So auch in meinem Fall. Nachdem ich in meiner frühen Jugend zunächst als Eisverkäufer gescheitert war, als Kinderwagenschieber schlecht verhandelt hatte, dann als Autowäscher bescheidene Erfolge erzielen konnte und schließlich als Anzeigenakquisiteur für die örtliche Schülerzeitung nicht unbeträchtliche Umsätze vorzuweisen hatte, fühlte ich mich gewappnet für das harte Berufsleben und bewarb mich im Nachbarort bei einer Baufirma, die hauptsächlich im kommunalen Auftrag arbeitete.
Freunde, die es dort schon einmal versucht hatten, warnten mich: Es gäbe eine Probezeit von einem halben Tag. „Was?“, sagte ich mir, „das ist ja wohl ein Klacks.“ Ich bewarb mich und wurde auf den ersten Ferienmontag, Punkt halb acht bestellt. Der Chef persönlich empfing mich. Er lächelte, was ich fälschlicherweise als Freundlichkeit interpretierte. Es war … etwas anderes.
Von halb acht bis Punkt zwölf müsse ich mich bewähren, erklärte der Chef die Spielregeln, von halb zehn bis zehn sei Veschber, da werde Zwischenbilanz gezogen. „Lächerlich“, dachte ich und zählte in Gedanken schon die Kröten, die ich die nächsten vier Wochen verdienen würde.
Dann. Kam. Alfons.
Mein ganzes bisheriges Leseleben hatte ich mich immer wieder gefragt, was eigentlich das Wort „vierschrötig“ bedeutet, denn damals gab es Wikipedia noch nicht, das mir erklärt hätte: „kräftig, breit, gedrungen, derb, grob wirkend“. Aber als ich Alfons sah, wusste ich sofort: Das ist ein Vierschrötiger.
Alfons war der Vorarbeiter und hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, was insofern gut war, als ich ihn ohnehin nicht verstand.

Radlader (Bild: Wikipedia)
„Kohsch Radlader fahra?“
„Wie bitte?“
„Kohsch Radlader fahra?“
„Ha?“
„Är moind“, mischte sich sein Kollege Harald ein, der einen guten Kopf kleiner war als Alfons. Ihn findet man in der Wikipedia unter dem Stichwort „Pykniker“, die Erklärung dazu lautet „gedrungener Körperbau, Neigung zu Fettansatz, kurzer Hals und breites Gesicht. Temperament behäbig, gemütlich, gesellig, heiter.“ „Är moind“, übersetzte Harald, „ob du Radlader fahra kohsch.“
„Welche Führerscheinklasse …“, setzte ich zu fragen an, aber Alfons winkte schon ab.
„No fahrd halt dr Harald.“
Unsere kleine Gruppe saß auf, Harald bugsierte sein Gesäß in einen bedrohlich engen Schalensitz, startete den Radlader und fuhr los. Alfons starrte vor sich hin.
„Was machen wir denn heute morgen?“, versuchte ich ein erhellendes Gespräch anzufangen.
Alfons starrte mich ein Weilchen an und rang sich dann eine Antwort ab.
„Am Hallabad dui alde Radaralag alada.“
Das klang irgendwie, als hätte Harald den falschen Gang eingelegt.
„Wie bitte?“ bat ich um Wiederholung.
„Am Hallabad dui alde Radaralag alada.“
„Ha?“
Harald hielt vor einer großen Halle und würgte den Motor ab.
„Är moind“, übersetzte er, „mir sollden am Hallenbad dui alde Radar-aanlage aablaadeen.“

Radaranlage (Bild: Wikipedia)
Jetzt hatte ich begriffen, worum es bei der Probezeit ging: Ich sollte innerhalb eines halben Tages eine schwere, fremde Sprache lernen, deren Gerüst aus rollenden Rs und unzähligen Nasallauten bestand. Es hätte ebenso gut Ungarisch oder Kisuaheli sein können.
Alfons hatte mittlerweile das Hallentor geöffnet, deutete auf ein drinnen befindliches Hochregal und schrie:
„Harald! Fahr den Karra dra na.“
Ich begann zu verstehen, wie die Sprache funktionierte. Da ich alelrdings nicht wusste, was ich dabei tun sollte, schlenderte ich dem Radlader hinterher. Alfons zeigte weiter wortlos auf das Hochregal. Harald setzte den Radlader davor und würgte den Motor ab. Alfons Zeigefinger veränderte seine Position nicht, was ich so interpretierte, dass ich das Hochregal besteigen solle. Das machte Sinn, den Alfons war der Capo und Klettern unter seiner Würde. Harald hingegen saß offenkundig auf seinem Radlader fest. Also erklomm ich das Regal und fand im dritten Stockwerk die kommunale Kfz-Falle. Harald nahm den Radlader wieder in Betrieb und fuhr die Schaufel so weit hoch, dass ich das Gerät hineinwuchten konnte.
Als er vorsichtig zurücksetzte, schrie Alfons plötzlich:
„Langsam rafahra!“ Harald würgte vor Schreck den Radlader ab, was die Hydraulik der Schaufel übelnahm. Die Radaranlage geriet in Schieflage und polterte aus drei Metern Höhe zu Boden.
Die Erde blieb für drei Sekunden stehen. Alfons nahm seine Mütze ab und starrte den Blechhaufen eine Weile lang an. Harald wurde bleich. Dann setzte Alfons seine Mütze wieder auf und wandte sich zu Harald auf seiner Maschine.
„Du Granada-Radladerfahrer!“, schrie er … und begann auf einmal zu lachen.
„Du Granada-Radladerfahrer!“
Harald nahm wieder Farbe an und traute sich ein zögerliches Grinsen.
Und ich? Ich verstand Alfons bei jedem Mal besser.
Vielleicht war es noch etwas früh, aber viel Zeit blieb nicht bis zum Veschber. Daher hielt ich den Zeitpunkt für günstig, meine neu erworbenen Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen und warf von meinem Hochsitz auf dem Regal ein:
„Jetzt hot dui Radaralag an Schada vom Nafalla!“
Alfons schaute verdutzt und nickte dann:
„Graad.“
Dann schaute er mich noch genauer an.
„Hoscht au an Raadschlag paraad?“
Ich dachte nach, beobachtete die Gedankenblase beim Wachsen und sah, wie sich dort eine perfide Idee materialisierte. Auch Alfons und Harald hatten sie gesehen. Wir nickten einander zu und sprachen dann wie aus einem Mund:
„Granaada Sach!“
Um die Geschichte an der Stelle etwas zu verkürzen: Nach dem Veschber, bei dem der Chef eine etwas fadenscheinige Geschichte aufgetischt bekam, stürzten wir uns sogleich in die Arbeit, bei der viele Gegenstände mit rollenden Rs und nasalen Lauten vorkamen. dazu Materialien wie Dachpappe, Radlager, Zanga, und Orte wie Hallenbad und Gefährte wie Fahrrad und Radlader. Wir holten uns dazu noch etliche Utensilien aus einem Fahrradlada und installierten etwas Haardes am Graaba beim Hallabaad.
Am Abend tranken wir no a Halbe im Aadler und ab da waren wir vier Wochen lang die dicksten Freunde.
Wenn jetzt noch jemand wissen will, mit welch ausgeklügeltem Plan wir den Chef so hereinlegten, dass er von da ab glaubte, er selbst habe die alde Radaralag auf dem Gewissen, der möge ein bestimmtes Dorf auf der Schwäbischen Alb aufsuchen, in den Aadler gehen und nach Alfons fragen. Der erzählt jedem gerne die Geschichte, wie er einmal mit dem Harald uffm Radlader dui alte Radaralag am Hallabad alada het solle. Und fügt am Schluss dazu, dass der Harald ein Granada-Radladerfahrer sei.
Und lacht granadamäßig.
Nachtrag: Außerdem ist sie (fast) von vorne bis hinten erstunken und erlogen.

